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Schroffer Sound: Charlotte Gainsbourg: IRM

VON MICHAEL SCHUH - zuletzt aktualisiert: 29.12.2009 - 14:08

Wer Serge Gainsbourgs Tochter Charlotte vor allem als liebliches, blasses, nie aneckendes Künstlergeschöpf wahrnimmt, lag bis vor kurzem nicht ganz daneben. Dann erschien Lars von Triers "Antichrist", ein von Schuld und Ängsten beladener Splatter-Film, in dem die scheinbar dauersäuselnde Französin 104 Minuten lang durch Blut und Sperma watet.

Sieht man mal von der sehr drastischen Darstellung ihrer in Cannes prämierten Rolle ab, lässt sich jedoch auch ein Film wie "Antichrist" problemlos in Gainsbourgs Vita einreihen. Wichtig sind ihr vor allem zwei Dinge: Ein Projekt muss die Leidenschaft aus ihr herauskitzeln, und bestenfalls sollte während des gesamten Prozesses jemand die Kontrolle über sie behalten. Dies kann ein Regisseur, aber auch ein Musiker sein.

Nach dem besonders in Frankreich abgefeierten Album "5:55" von 2006, in dem Air, Neil Hannon und Jarvis Cocker diese engen Begleiter und Förderer von Gainsbourgs Vision übernahmen, sprach die ewige Tochter für "IRM" dem amerikanischen Alleskönner Beck ihr volles Vertrauen aus.

Es ist ein mutiges Album geworden, das ihr öffentliches Image in ähnlicher Weise zurechtrücken könnte wie jüngst die "Antichrist"-Rolle. Dies fängt beim Albumtitel "IRM" an, der Bezeichnung für einen Kernspintomographen, der Gainsbourg nach einem Wasserski-Unfall sechs Monate lang zu einem ständigen Begleiter wurde.

Für die meisten ein einziger Alptraum, für die Französin auch künstlerischer Ansporn. "Jedes Mal, wenn ich in der Röhre lag, war ich total fasziniert von diesem Rhythmus. Er fliegt in alle Richtungen, klingt sehr chaotisch und furchterregend. Es fühlt sich an wie ein Hammerschlag, aber nach einer Weile konnte ich dabei sogar einschlafen."

Das monoton-pochende, mit metallischen Störgeräuschen versehene Stück "IRM" war denn auch ihre erste Idee fürs Album, die sie mit Beck furchterregend realistisch umsetzte.

Inhaltlich ist sie da schon bei EKG-Ergebnissen und der Entmagnetisierung ihres Körpers angelangt, nachdem sie auf dem Eröffnungsstück "Master's Hands" bereits von Geistern sprach, die "zertrümmert" werden müssen und von einem Kopf "voller Löcher". Keine Themen für den geselligen Familienabend.

Im Vergleich zum letzten Album wurden die somnambulen Air-Momente deutlich zurückgefahren. Der Sound ist bisweilen schroff (einziges Duett "Heaven Can Wait") und stark rhythmusbetont ("Trick Pony"), trägt also zweifellos Becks Handschrift als Songwriter und Produzent.

Der Proberaumalltag soll so ausgesehen haben, dass ihr der Amerikaner Melodie- und Textideen zuwarf, auf die Gainsbourg im besten Fall Pingpong-artig ansprang. Dies sei bemerkenswert oft der Fall gewesen, erzählt die Sängerin erfreut. Eine ideale Arbeitssituation für eine intuitive Person.

Die dabei entstandene Magie zeigt sich glücklicherweise auch wieder in einigen Streicher-Momenten ("Le Chat Du Café Des Artistes", "La Collectionneuse"), die wiederum sehr an ihr letztes, von Nigel Godrich produziertes Album erinnern. Godrich brachte Beck übrigens schon damals als Songwriter ins Spiel, was aus Zeitgründen aber nicht realisiert werden konnte. Ein großes Glück für alle Beteiligten.

Quelle: laut.de

 
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