Daniel Brühl als naiver Terrorist
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 13.09.2007Drama „Salvador – Kampf um die Freiheit“
Salvador Puig Antich hat Banken überfallen und möglicherweise einen Polizisten erschossen, der ihn verhaften wollte. Zugleich war er unschuldig. Diesen Widerspruch einem kritischen Publikum zu vermitteln, ist nicht einfach, und Manuel Huergas Film krankt gewaltig an der unmöglichen Aufgabe. Dabei dauert er 134 Minuten. In dieser Zeit sollte es möglich sein, die Entwicklung eines naiven, idealistischen jungen Mannes zum Terroristen zu zeichnen. Stattdessen wird Salvador zu einer Christusfigur stilisiert – oder soll man sagen: degradiert?
Salvador ist in einer Diktatur aufgewachsen, in Francos Spanien. Die brutalen Polizeieinsätze, die der Film vorführt, unterscheiden sich allerdings nicht von brutalen Polizeieinsätzen in den USA oder der Bundesrepublik. Für den nicht-spanischen Zuschauer bleibt es unklar, wie man mit Banküberfällen dieses System besiegen soll. Geradezu ärgerlich wirken die Lippenbekenntnisse zugunsten unterdrückter Bauern und Arbeiter: Salvador ist nie bei einer harten körperlichen Tätigkeit zu sehen, und er kann keinen Leidensdruck für sich beanspruchen.
Der von Salvador erschossene Polizist wird nicht als Widerling denunziert, der den Tod verdient hat. Wie Volker Schlöndorff in „Die Stille nach dem Schuss“ inszeniert Huerga die Banküberfälle als fröhliche, spielerische Aktion, die leider in blutigen Ernst ausartet. Der getötete Polizist war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und der Schuss nicht persönlich gemeint. Schlöndorff hatte immerhin in Bibiana Beglau eine herbe, unsentimentale Darstellerin, die kein Mitleid einforderte. Daniel Brühl hingegen ist den ganzen Film hindurch niedlich, süß, unschuldig eben. Und somit unglaubwürdig.
Was ist aus dem Daniel Brühl geworden, der in Hans Weingartners „Das weiße Rauschen“ mit atemberaubender Intensität einen gewalttägigen Schizophrenen verkörpert hat? In letzter Zeit wirkt er nur noch tranig und trottelig. Obwohl er fließend spanisch spricht, macht er den ganzen Film hindurch einen desorientierten Eindruck, so als würde er gar nicht verstehen, in was für einem Film er gelandet ist.
Spätestens beim Betreten seiner Todeszelle könnte man von Brühl einen zweiten Gesichstausdruck erwarten. Er bleibt ihn schuldig. Statt am ganzen Leib zu zittern oder zu schreien, staunt er so wie in seinen bisherigen Filmen.
Und was lernt man als Zuschauer? Dass Salvador in der Bundesrepublik nur lebenslänglich bekommen hätte? Oder dass Franco ein Faschist war? „Salvador“ begnügt sich mit Empörung über einen Justizmord. Moralische Ambivalenz lässt er nicht zu. Schade. Rein handwerklich ist er exzellent gemacht.
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