Die Elfe des Wohlgefühls
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 26.03.2008Miranda July ist der Star der Stunde. Die Botschaft der 33-jährigen Regisseurin, Schauspielerin,
Performance-Künstlerin und nun auch Autorin: Die Welt muss romantisiert werden.Düsseldorf Sie arbeitet nicht mit Pinsel oder Stift oder so, sondern mit einem Zauberstab, sie muss ihre Werke einfach mit einem Zauberstab schaffen, eine Elfe des Wohlgefühls sozusagen, sonst könnten sie diese Wirkung gar nicht haben. Nehmen wie nur mal die Geschichte aus Miranda Julys neuem Buch „Zehn Wahrheiten“. Da wollen drei Senioren in der US-Provinz Schwimmen lernen, aber es gibt kein Schwimmbad. Also lädt die Ich-Erzählerin zu sich in die Küche, stellt den Schülern Schalen mit Wasser hin, bittet sie, ihre Gesichter hineinzustecken und mit Armen und Beinen zu strampeln. So robben drei Menschen Schüssel voran durch die Wohnung, im Gesicht nass, ansonsten verschwitzt, verstaubt – und glücklich.
Das Glück ist überhaupt das große Thema der 33-jährigen Autorin, Regisseurin, Schauspielerin, Performance-Künstlerin und Stil-Bildnerin Miranda July. Das Glück, das im Ungefähren liegt, das Glück, wenn sich der Alltag in eine tröstliche Form des Irrsinns auflöst. July ist so etwas wie eine reale Ausgabe der Hauptfigur aus „Die wunderbare Welt der Amélie“, eine zeitgenössische Version von Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden“ könnte ihr Wahlspruch sein.
In ihrem Kino-Film „Ich und Du und alle, die wir kennen“ über einen verliebten, aber zaudernden Schuhverkäufer, für den sie bei den Festspielen in Cannes ausgezeichnet wurde, schreibt die ebenfalls verliebte, aber vom Zaudern ganz überforderte Wär-so-gern-Geliebte des Schuhverkäufers die Worte „Ich“ und „Du“ auf ihre Schuhspitzen. Sie tanzt in diesen Schuhen, „Ich“ kommt „Du“ näher und entfernt sich wieder, und das ist wunderschön anzusehen.
Oder die Internet-Seite learntoloveyoumore.com. Dort gibt July Tipps, wie man sich und die Welt und das Leben lieben lernt: „Fotografiere deine Eltern, während sie sich küssen.“ – „Zeichne eine Filmszene, die dich zum Weinen gebracht hat.“ – „Fotografiere Fremde, die sich bei den Händen halten.“ Und dann gibt es diesen Kurzfilm, in dem der Schauspieler John C. Reilly für eine fiktive Umfrage Menschen anspricht: „Sind Sie die Lieblingsperson von jemandem?“ Man muss gesehen haben, wie die Menschen darauf antworten, wie einer einfach „No“ sagt, dann aber zögert, als er gefragt wird, ob er sich „ganz sicher“ oder „einigermaßen sicher“ oder „eher unsicher“ sei.
July gehört zu einer Gruppe amerikanischer Künstler, in deren Werken von der Geschwindigkeit und Komplexität der Gegenwart Überforderte und Ausgegrenzte würde- und humorvoll ins Dasein zurückgeholt werden. Der Autor Dave Eggers ist Teil dieses Zirkels, „Thumbsucker“-Regisseur Mike Mills, der mit July in Los Angeles zusammenlebt, ebenfalls. July legt sich nicht auf eine Kunstform fest, sondern überführt Erfahrungen aus Performance und Fluxus in die Literatur, benutzt das Internet als Vertriebsweg, bedient sich der Muster amerikanischer Sitcoms, ironisiert das Ratgeber-Genre, deutet die klassische Short Story für ihre Zwecke um und schauspielert nebenbei in einem Video-Clip der Band Blonde Redhead. Das ist Gegenwartskunst in reiner Form. Man kann Alltagstauglichkeit und Gebrauchswert ihrer Werke im Internet überprüfen. Auf der Plattform „YouTube“ gibt es Hunderte Filme, die Slapstick und Kitsch mischen, Pathos und Ironie, davon erzählen, wie sich Selbstzweifel und emotionale Ungelenkheit überwinden lassen und „Miranda July gewidmet“ oder „Inspiriert von Miranda July“ im Titel tragen.
July, die eigentlich Miranda Jennifer Grossing heißt und in Portland Kunst studiert hat, inszeniert sich in ihren Werken. Sie spielt die in der Schwebe Lebenden, die plötzlich wieder Lust am Menschsein haben, immer selbst – sie ist ihre Figuren. Sie bewegt sich damit durchaus in der Nachfolge von Künstlerinnen wie Sophie Calle und Cindy Sherman, aber ohne das Obsessive, das Schwere, das Zu-Bedenken-Gebende. Sie ist komisch, aber so, dass es cool ist. Sie steht da, ein Ostküsten-Hipster in Tweed-Cape, mit Häkelmanschetten und Hüfthose, schaut aus kugelrunden blauen Augen, und wenn nicht so etwas kaum greifbar Subversiv-Heiteres in ihrem Wesen wäre, könnte man July auch als Model für die Cover von „Vogue“ oder „Elle“ engagieren.
Warum nicht? Ein solcher Auftritt würde Julys Botschaft bekräftigen: Die Kunst ist nicht schöner als die Wirklichkeit. Aber die Wirklichkeit ist schöner durch die Kunst.
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