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Europa ist Vorbild

zuletzt aktualisiert: 27.05.2008

Auch wenn die meisten Amerikaner es nicht glauben – höhere Steuern und Sozialausgaben würden ihrem Land gut tun. Das sagt US-Starökonom Paul Krugman im Interview mit unserer Zeitung.

In Ihrem neuen Buch „Nach Bush“ ist viel von Europa die Rede. Warum?

Paul Krugman In Amerika gibt es die Grundauffassung, dass selbst minimal höhere Steuern und ein etwas großzügiger Wohlfahrtstaat sofort in die ökonomische Katastrophe führen. Europa aber beweist das Gegenteil.

Was können die Amerikaner derzeit von uns lernen?

Krugman In erster Linie: ein vernünftiges Gesundheitssystem aufzubauen. Die Franzosen haben ein fast wundersam gutes Gesundheitswesen mit niedrigen Ausgaben und hoher Qualität. Die ärztliche Versorgung ist so gut wie für Amerikaner, die dafür aber ein Vielfaches zahlen, wenn sie überhaupt versichert sind.

Aber sind die Wachstumsraten in den USA meist viel höher als hier?

Krugman Das stimmt zwar. Aber setzt man das Wirtschaftswachstum in Bezug zu unserem Bevölkerungswachstum, gleicht sich das praktisch wieder aus. Auch gibt es diesen Wachstums-Abstand erst seit 1995. Vorher war es umgekehrt, Europa lag vorne. Wir reden also von einem relativ kurzen Zeitraum, in dem die USA besser dastehen und seitdem vom hoffnungslos unterlegenen europäischen Wirtschaftssystem sprechen. Aber davon kann keine Rede sein.

Sie tun fast so, als gäbe es in Europa keine Sorgen?

Krugman Klar, auch in Europa gibt es wirtschaftliche Probleme. Aber gerade Frankreich wird in Amerika oft als eine Art ökonomische Vorhölle dargestellt. Wenn man dann hinfährt, sieht es ganz anders aus.

Die Europäer beneiden Amerika aber um niedrige Steuern, wenig Staat und Vollbeschäftigung.

Krugman Ich würde mir wünschen, dass sich die USA bei Steuern und Sozialprogrammen eher auf Europa zubewegen. Zum Thema Arbeitslosigkeit: Die Bürger in Westeuropa zwischen 25 oder 55 Jahren haben in etwa dieselben Beschäftigungsquoten wie Amerika.

Und was ist mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit bei uns?

Krugman Auch diese Zahlen sind irreführend. Nochmal Frankreich, weil ich mir das Land genauer angesehen habe: Viele junge Menschen sind noch in Ausbildung, weniger als bei uns sind gezwungen, für ihre Hochschulausbildung nebenher zu arbeiten. Das führt zu einer niedrigeren Beschäftigungsquote. Arbeitslosigkeit in Europa ist eher ein Problem der Älteren, also ab 55 Jahren. Das liegt am zu großzügigen Rentensystem.

Was müssen wir besser machen?

Krugman Das heutige Rentensystem können Sie sich in Europa angesichts der demografischen Entwicklung nach wie vor nicht leisten. Und die Regulierung des Wirtschaftlslebens ist überbordend. Ein großer Teil der Produktivitätsfortschritte in den USA seit 1995 gehen auf hocheffiziente Shopping-Ketten wie denen des Einzelhandelskonzerns Wal Mart zurück. Damit sind zwar neue Nachteile verbunden, beispielsweise für die Beschäftigten. Aber ihr solltet trotzdem jede Regulierung vermeiden, die Fortschritte im Einzelhandel behindert. Bei den Ladenöffnungszeiten hat sich ja schon einiges getan.

Sie hoffen auf eine politische Wende in den USA. Wie sind die Chancen?

Krugman Der Kongress . . .

. . . in etwa das Gegenstück zum Bundestag . . .

Krugman . . . ist den Demokraten schon so gut wie sicher. Die Chancen, das Weiße Haus zu erobern und den nächsten Präsidenten zu stellen, liegen bei 60 bis 65 Prozent. Wenn es nicht klappt, wird die Demokratische Partei tief in sich gehen müssen. Es würde als individuelles Versagen vom designierten Spitzenkandidaten Barack Obama gesehen. Die Mehrheit der Demokraten unter den Abgeordneten aber würde reichen für eine Gesundheitsreform, neue Arbeitnehmer-freundliche Gesetze, ein Armutsprogramm – kurz, für eine Kehrtwende, die die Ungleichheit in Amerika etwas mildern würde.

In Deutschland macht man sich Sorgen um das Verschwinden der Mittelschicht. Ist das berechtigt?

Krugman Auf jeden Fall ist das Entstehen einer breiten Mittelschicht politisch beeinflussbar. In den USA ist sie ab Mitte der 1930er Jahre binnen etwa eines Jahrzehnts entstanden. Eine gewerkschaftsfreundlichere Stimmung und Regierung und die Einführung von Minimumlöhnen haben dazu beigetragen. Ebenfalls aufgrund politischer Entscheidungen haben wir in den USA heute wieder eine Einkommensverteilung wie in den 1920ern: Das oberste ein Prozent der Bevölkerung verfügt über 20 Prozent des gesamten Vermögens des Landes.

Was wird aus George W. Bush?

Krugman (lacht) Nun: In den späten 70er Jahren liefen Kinder zu Halloween mit Gruselmasken des früheren Präsidenten Richard Nixon herum. Vielleicht wird das auch das Schicksal von George W. Bush sein.

Quelle: RP

 
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