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Kreativ in der Waldorfschule

zuletzt aktualisiert: 24.06.2008

Interview Jost Schieren, erster Professor für Waldorf-Pädagogik in Deutschland, unterstreicht die Bedeutung seines Fachs durch die Pisa-Studie: Darin schnitten die Länder am besten ab, die in ihr Schulsystem Elemente aus dieser Pädagogik einbezogen haben.

Warum muss Waldorfpädagogik an einer Hochschule gelehrt werden?

Schieren Seit über 90 Jahren ist die Waldorfpädagogik eine sehr erfolgreiche reformpädagogische Bewegung, mit 1000 Schulen weltweit und mit über 200 Schulen in Deutschland. Doch der wissenschaftliche Diskurs mit und in der Waldorfpädagogik ist noch zu wenig lebendig. Dadurch geht ein Entwicklungspotenzial verloren: Die Waldorfpädagogik kann vom Forschungs- und Reflexionsniveau der Erziehungswissenschaft profitieren, und umgekehrt wird die gegenwärtige Schuldiskussion um das Konzept einer am Kind und Jugendlichen ausgerichteten Pädagogik bereichert.

Die Staatsschulen haben immer wieder Ansätze der Waldorfpädagogik übernommen: den früh beginnenden Fremdsprachenunterricht zum Beispiel. Besteht die Gefahr, dass der pädagogische Vorsprung der Waldorfschulen auf Dauer verlorengeht?

Schieren Die Pisa-Studie hat erwiesen, dass diejenigen Länder am besten abgeschnitten haben, in denen Elemente der Waldorfpädagogik in ähnlicher Weise praktiziert werden. Aber da gibt es kein Urheberrecht. In der Entwicklung guter Schulen geht es nicht um einen Vorsprung, sondern um die Umsetzung der besten Konzepte.

Worin besteht das Konzept der Waldorfpädagogik?

Schieren Im Zentrum steht, dass sich die Waldorfpädagogik an der Entwicklung des Kindes orientiert. Zudem ist es eine erfahrungsorientierte Pädagogik, die ganzheitlich arbeitet. Der Gemeinschaftsaspekt spielt im pädagogischen Handeln eine bedeutende Rolle. Die Waldorfpädagogik verzichtet auf Leistungsselektion – was allerdings nicht heißt, dass sie auf Leistung verzichtet. Im Übrigen hat das Künstlerische in der Waldorfpädagogik einen hohen Wert.

Die Waldorfpädagogik gründet sich auf die Lehre von Rudolf Steiner, die Anthroposophie. Ist es sinnvoll, eine pädagogische Richtung allein an eine Person zu binden?

Schieren Jede Idee hat einen personellen Ursprung, gerade in der Reformpädagogik. Aber es sollte in der Waldorfpädagogik nicht um die Person des Gründers gehen, sondern um das menschenkundliche Konzept, das dahinter steht. Dies ist kein dogmatisches Lehrgebäude, sondern eine Sicht auf den Menschen, die sich anderen Sichtweisen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stellen muss.

Im Zusammenhang mit Rudolf Steiner werden immer wieder Antisemitismusvorwürfe erhoben. Bringt das die Waldorfpädagogik Ihrer Meinung nach in Verruf?

Schieren Es gibt vereinzelte Äußerungen von Steiner, von denen man sich aus heutiger Perspektive klar distanzieren muss. Ich bin allerdings der Überzeugung, dass solche Äußerungen eher zeitbedingt sind. Hier ist es wichtig, die Grundhaltung zu sehen: Das Konzept der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik ist humanistisch und enthält keine Tendenzen der Ausgrenzung. Waldorfpädagogik und Rassismus sind unvereinbar.

Im Religionsleben der Gegenwart lässt sich beobachten, dass immer mehr Menschen sich aus unterschiedlichen Quellen gleichzeitig bedienen: etwa aus Christentum und fernöstlichen Lehren. Auch in der Pädagogik gibt es so etwas. Man saugt sich das Beste etwa aus Waldorf- und Montessoripädagogik. Finden Sie das richtig?

Schieren In der Pädagogik ist man nahezu aufgefordert, sich umzuschauen, sich inspirieren zu lassen und Best-Practice-Beispiele aufzunehmen, um die pädagogische Arbeit zu optimieren.

Unserer Beobachtung zufolge schicken in jüngster Zeit immer mehr Eltern ihre Kinder auf eine Waldorfschule, weil es sich um eine Privatschule handelt – mit allen Vorteilen bei Disziplin und individueller Betreuung.

Schieren Die Beobachtung ist richtig. Die Waldorfschulen profitieren tatsächlich davon – aber auch die anderen privaten Schulen. Jede Privatschule sollte das zum Anlass nehmen, ihr eigenes Profil zu schärfen.

Wäre es aus Ihrer Sicht wünschenswert, wenn irgendwann einmal alle Kinder in Deutschland eine Waldorfschule besuchten? Hätten wir dann das Ziel eines besseren Bildungssystems erreicht?

Schieren Nein, nein, dann hätten wir das Problem einer Uniformität. Der Wert von Bildung ist immer auch an der Vielfalt der Bildungsangebote zu messen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Absolventen von Waldorfschulen im Leben besser zurechtkommen?

Schieren Darauf kann man nur sehr schwer antworten. Die Absolventenstudie von Randoll und Barz hat jedenfalls ergeben, dass es unter den Waldorf-Abgängern überraschend viele gibt, die beruflich selbstständig sind: Unternehmer oder auch Ärzte. Vielleicht lässt sich mit aller Vorsicht sagen, dass unter den Waldorf-Absolventen tatsächlich mehr Menschen mit einem betont selbstständigen, kreativen Lebensentwurf zu finden sind.

Quelle: RP

 
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