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Krebsverdacht bei McCain

VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 30.07.2008

Die Amerikaner erwarten, dass ihr Präsident sie rückhaltlos über seinen Gesundheitszustand informiert. Dies gilt auch für die Kandidaten. Der Republikaner John McCain musste deshalb nach einem Eingriff sofort vors Mikrofon.

washington Kaum hatte er die Klinik verlassen, setzte John McCain an zu einer kleinen Lektion, um seine Amerikaner vor den Gefahren allzu intensiven Sonnenbadens zu warnen. Sein Vater, ein Flottenadmiral, habe von Berufs wegen an der Küste gewohnt, „weshalb ich an Orten lebte, wo ich oft am Strand war. Und heute zahle ich den Preis dafür.“ Also bitte, riet er, gleich zum Arzt gehen, sobald man verfärbte Flecken auf seiner Haut bemerkt. „Und damit“, schloss er mit feinem Lächeln, „ist meine medizinische Vorlesung für heute beendet.“

McCain in der Klinik – es sind Besuch die jedes Mal Eilmeldungen produzieren. Einerseits spiegelt sich darin der Gemütszustand eines Volkes, das sich das technisch beste, aber auch teuerste (und für 48 Millionen Menschen unbezahlbare) Gesundheitssystem der Welt leistet. Andererseits ist der weißhaarige Senator ein spezieller Fall, ein gläserner Patient, wie es wohl kaum einen zweiten gibt. Was seine Krankenakte angeht, so setzt er auf schrankenlose Offenheit. Andernfalls hätte er von vornherein verloren.

Würde McCain im November gewählt, zöge er 72-jährig ins Weiße Haus, womit er Ronald Reagans Altersrekord bräche. Was automatisch die Frage aufwirft, ob er gesund genug ist fürs Amt. Kein Wunder, dass er sich zu Wochenbeginn hinter einem Wald von Mikrofonen aufbaute, um in allen Details über den soeben erfolgten Eingriff einer Dermatologin zu berichten. Die Ärztin hatte ihm ein Muttermal an der Schläfe entfernt, eine Gewebeprobe wird im Labor untersucht. Und wenn das Ergebnis vorliegt, dürfte es erneut für Eilmeldungen sorgen.

Schon im Mai hatte McCains Hausarzt auf nicht weniger als 1173 Seiten versucht, die Bedenken der Wähler zu zerstreuen. Bedenken, die auf eine schwerere Operation zurückgehen. Vor acht Jahren entfernten Chirurgen ein bösartiges Melanom aus dem Gesicht des Senators, Stufe II A auf einer Skala bis IV, wie die interessierte Nation damals erfuhr. Jetzt sieht McCain mit geschwollener Backe aus, als leide er an Dauerzahnschmerzen. Seitdem er 1967 mit seinem Bomber über Hanoi abstürzte und jahrelang in vietnamesischer Gefangenschaft gequält wurde, ist McCain zudem behindert. Ist er dennoch den Belastungen gewachsen, die der wichtigste Posten der Welt mit sich bringt? „Senator McCain kann alle Pflichten eines Präsidenten der Vereinigten Staaten erfüllen“, bilanzierte sein Leibarzt John Eckstein.

Früher war das anders, da konnten die Männer, die im Oval Office regierten, oft erfolgreich ihre Gebrechen verschleiern. Franklin D. Roosevelt, an Kinderlähmung erkrankt, durfte lange Zeit nicht im Rollstuhl fotografiert werden. John F. Kennedy verheimlichte die Rückenschmerzen, die ihn permanent plagten.

Andrew Jackson, der 7. Präsident, litt im Laufe seines Lebens an Malaria, Bleivergiftung und chronischem Durchfall, um nur einige Beispiele zu nennen. In seinem Körper steckten Kugeln, die britische Kolonialsoldaten im Unabhängigkeitskrieg auf ihn abgefeuert hatten. Niemand störte sich daran. Als Jackson 1845 starb, war er 78.

Erst 1972 war es um die Mischung aus Geheimniskrämerei und Gelassenheit endgültig geschehen. Thomas Eagleton, demokratischer Anwärter auf die Vizepräsidentschaft, verschwieg, dass er an Depressionen litt und sich mit Elektroschocks behandeln ließ. Als es herauskam, musste er verzichten.

Heute treibt das mediale Interesse an den Klinikbesuchen der Kandidaten mitunter seltsame Blüten. Zurückgekehrt von seiner Reise nach Europa und Nahost, fuhr Barack Obama ins Universitätskrankenhaus von Chicago. Die Hüfte schmerzte, offenbar hatte er sich leicht verletzt, als er jubelnden US-Soldaten in Kuwait vorführte, wie man aus großer Entfernung einen Basketballkorb trifft.

Gertenschlank und kilometerweit joggend, steht Obama nicht im Verdacht, ein Zipperlein verheimlichen zu wollen. Dennoch, in Chicago standen alarmierte Fernsehleute sofort Spalier an dem Spital. Der Patient konnte sie beruhigen, indem er wie beiläufig erklärte: „Ich denke, in einer Woche ist alles wieder gut.“

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Quelle: RP

 
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