Aus Liebe zum Spiel: Multi-Tasking am WM-Quali-Abend
VON CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 19.11.2009 - 23:14Die Fähigkeit, multi-tasking zu sein, wird Männern gerne abgesprochen. Angeblich können nur Frauen gleichzeitig telefonieren, fernsehen, kochen, für eine wichtige Prüfung lernen und einen wirklich wirksamen Impfstoff gegen die Schweinegrippe entwickeln. Männer können aber auch multi-tasking sein. Zumindest wenn es um Fußball geht.
Am allerletzten Abend der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südafrika ist, an einem Ort, an dem es mit dem Internet noch nicht so ganz klappen will, die Fernbedienung des Fernsehers mit der rechten Hand verwachsen. Fünf Spiele stehen zum Teil gleichzeitig an, außerdem testet die deutsche Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste (hier geht’s zu den Bildern) und dann gibt es noch so Kracher-Freundschaftsspiele wie das der Polen gegen Kanada oder der Malteser gegen Bulgarien.
Währenddessen klappt es durchaus souverän, Kurzmitteilungen auf das Handy des Arbeitskollegen zu schreiben, knappe Telefonate mit dem besten Kumpel zu führen und das Essen vom Tag zuvor in der Mikrowelle warm zu machen. Geht doch. Und zwischendurch gibt es immer diese Momente, wegen welchen man so verrückt nach Fußball ist.
Tief im Sudan rasten nicht nur die algerischen Spieler und Fans aus, sondern auch die Fotografen, die nächsten Sommer von ganz im Norden des Kontinents nach ganz im Süden des Kontinents fliegen. Kurz darauf tanzen im strömenden Regen von Donetsk, das sich schon nach Dauer-Regen anhört, die Griechen mit einem 71-jährigen Mann, der ihr Trainer ist, und der ihnen offenbar verboten hat, jemals wieder Sirtaki zu tanzen.
Dabei hätten die Griechen allen Grund dazu, sich auf dem Rasen gleich noch eine Flasche Ouzo zu teilen. Es ist ihre erst zweite WM-Teilnahme nach 1994. Damals hat man als kleiner gerade Ex-Grundschüler zwar noch nicht viel von den Spielen mitbekommen, schließlich waren die wegen des Austragungsorts in den USA erst so spät, dass man da schon längst im Bett lag. Aber lustig gemacht hat man sich schon ein wenig darüber, dass sie in drei Spielen kein Tor schossen, zehn Gegentore kassierten und gegen alle drei Gruppengegner verloren. Aber das nur nebenbei.
Zurück zum Multi-Tasking. Es klappt den ganzen Abend. Zumindest fast. Das muntere Hin- und Her-Gezappe läuft optimal: Zwischen dem unterhaltsamen deutschen Spiel. Dem Videotext, der die frohe Botschaft vom Patzen der Russen und die schlechte Nachricht vom Scheitern Bosnien-Herzegowinas kund tut. Und dem französischen Kultur-Sender, der erschreckenderweise offenbar keinen Gedanken daran verschwendet, eine Sonder-Live-Sendung über das mehr als unglückliche Aus Irlands in Paris zu liefern.
Nur in diesen acht Minuten vor dem Anpfiff des Deutschland-Spiels ist nicht viel mit alles-auf-einmal-wissen-wollen. Das Trikot Robert Enkes, der sich acht Tage zuvor selbst umgebracht hatte, wird auf die Ersatzbank gelegt. Zweieinalb Minuten lang laufen zur für Jungs ohnehin schon bewegenden Original-Version der Hymne „You’ll never walk alone“ Bilder aus der Karriere des Nationaltorhüters über den Video-Würfel. Bewegend. Ergreifend. Traurig. Nur Multi-Tasking-fähig war ich in diesen Momenten nicht.
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