No Angels im Grand-Prix-Finale
VON ALF BECK - zuletzt aktualisiert: 24.05.2008Gegen 24 Mitbewerber müsste sich das Frauenpop-Quartett durchsetzen, um heute Abend den Grand Prix zu gewinnen. Komponist Ralph Siegel glaubt allerdings nicht an einen deutschen Sieg. Er hat andere Favoriten.
Belgrad „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder…“ Diese alte Weisheit gilt auch für den heutigen Samstagabend. Denn wer ihn vor dem Fernseher beim Eurovision Song Contest durchstehen will, braucht garantiert Sitzfleisch. Ab 21 Uhr plant die ARD rund 190 Minuten Musik aus Belgrad ein – bis zehn Minuten nach Mitternacht. Selbst ohne hellseherische Fähigkeiten ist sicher, dass so manches Liedchen nur mit einer Mischung aus knackigen Chips und geistigen Getränken zu überstehen ist. Und eben mit Ausdauer, denn längst nicht alles, was da zum Vortrag kommt, ist auch im heimischen Wohnzimmer spontan tanzbar – die Zeiten von „Waterloo“ sind unwiderbringlich verloren.
Augenscheinlich dominiert der Osten Europas das Festival, das von den 43 teilnehmenden Ländern bereits 18 in den Halbfinal-Shows verabschiedet hat. Geblieben sind die Ukraine und Albanien, Kroatien, Georgien, Lettland, aber auch Aserbaidschan und Armenien, Russland und Bosnien-Herzegowina. In dem Show-Marathon, der selbst „Überzieher“ Gottschalk neidisch machen könnte, werden 25 Beiträge präsentiert – allein die telefonische Abfrage („Good evening, Belgrad“) wird eine Stunde dauern. Ob es dabei zu der ersehnten Bewertung „Allemagne: douze points“ kommen wird und ob die deutschen Repräsentantinnen, die „No Angels“, gut genug sind, um zwölf Punkte einzufahren, steht in den Sternen. Manche Eurovisions-Zuschauer der letzten Jahre wären froh, wenn es in der Endabrechnung insgesamt ein Dutzend Punkte gäbe – oder vielleicht sogar den zwölften Platz im Gesamt-Klassement. Im Vorjahr hat Roger Cicero mit Rang 19 die Latte nicht allzu hoch gelegt.
Ralph Siegel, der 1982 die bisher einzige deutsche Song-Contest-Siegerin Nicole produziert und damit ein bisschen Frieden in die deutsche Seele gebracht hat, wünscht den „No Angels“ alles erdenklich Gute: „Ich habe aber meine Zweifel, ob die vier Sängerinnen tatsächlich vorne mitmischen können.“ Er hält ihr Lied „Disappear“ für nicht stark genug und die Life-Fähigkeiten der Girl-Group für „begrenzt“. Die „No Angels“ gehen als vierter Beitrag in dieses Rennen nach Noten. Siegel, der in diesem Jahr in Belgrad kein eigenes Lied an den Start schickt, bricht eine Lanze für die „neue Musikkraft aus dem Osten Europas“: „Diese Länder haben eindeutig aufgeholt. Wenn ich sehe, mit welchen Blödsinns-Nummern der Westen ins Finale wollte, kann ich nur sagen, dass es einen klaren Unterschied zwischen guter Show und flachem Klamauk gibt.“ Siegel hat sich beide Halbfinale angeschaut, die fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit im nächtlichen dritten Programm des NDR gesendet wurden: „Ich tippe auf vier Beiträge, die alle das Zeug zum Sieg hätten: Dänemark und Georgien, Griechenland und Armenien.“
Eines hat sich allerdings beim europäischen Wettsingen verändert: Wer auf die Bühne kommt, brav seinen Song abliefert und wieder verschwindet, hat keine Chance. Weil das Auge inzwischen mithört, haben sich die Interpreten eine Menge einfallen lassen. Pyrotechnik wechselt sich mit einer Windmaschine und Flic-Flac-Artisten ab. Für Aserbaidschan liefern sich Erzengel und Teufel ein Stimmen-Duell. Und Russland lässt seinen Olympiasieger Jewgeni Pluschenko neben Sänger Dima Bilan auf einer Mini-Kunsteisfläche Pirouetten drehen. Nur die irische Truthahn-Puppe Dustin, zu deren Techno-Sound-Bewegungen Sänger Johnny Morrison zwölf Punkte für Irland forderte, holt garantiert keinen Punkt – im Halbfinale war Schluss.
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