Gedenkfeiern in Oslo: Norwegen versinkt in haltloser Trauer
zuletzt aktualisiert: 24.07.2011 - 15:24Oslo/Rom (RPO). Währen die Ermittler der norwegischen Polizei unter Hochdruck versuchen, die Hintergründe der zwei Anschläge vom Freitag aufzuklären, ringt ein ganzes Land um Fassung. Viele kennen Angehörige der Opfer oder haben gar selbst jemanden verloren. Norwegen ist ein kleines Land. In der Kathedrale von Oslo gibt Ministerpräsident Jens Stoltenberg dem haltlosen Leid eine Stimme.
Die Opferzahl stieg am Sonntag auf 93, zehn oder elf weitere Teilnehmer des Jugendcamps auf der Insel Utöya schweben in Lebensgefahr. Die vielen Opfer, die Monstrosität der Anschläge, dass das Böse aus ihrer Mitte kam - all das hat das skandinavische Land betäubt. Erst mit den Stunden und Tagen wird vielen das Ausmaß des Schreckens bewusst.
Fünf Millionen Menschen leben in Norwegen. Kenner beschreiben die Landeskultur als familiär. Man kennt sich. "Wir sind in Norwegen so wenige, dass jeder Gefallene ein Bruder oder ein Freund ist", lautet ein bekanntes Zitat des norwegischen Schriftstellers Nordahl Grieg. Es stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. An diesem Wochenende hat es grausige Aktualität gewonnen.
Stoltenberg spricht für die Opfer
"Jedes einzelne Opfer ist eine Tragödie", sagt der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg am Sonntag im Trauergottesdienst in der Osloer Domkirche. Neben ihm sind das norwegische Königspaar und mehrerer Minister gekommen. Auch die schwedische Kronprinzessin Victoria ist zu sehen.
Vor der Kirche haben sich die trauernden Menschen versammelt. Immer wieder übermannt sie das Elend. Es sind zahlreiche Jugendliche dabei. Sie weinen hemmungslos, weil sie noch keine Worte haben. Dies überlassen sie Stoltenberg. Er gibt der Trauer eine Stimme. Bald würden die Namen und Bilder der Getöteten veröffentlicht: "Dann wird sich das Ausmaß des Bösen zeigen", so Stoltenberg. Er bemüht sich gleichzeitig, dem Land Kraft zuzusprechen. Norwegen werde "seine Werte niemals aufgeben".
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Bevor der Regierungschef mit seiner Frau die Kirche betrat, verbeugte er sich vor zahllosen Blumen, die Trauernde rund um die Kathedrale niedergelegt hatten. An einem für die Opfer eingerichteten Schrein legten er und der Leiter der Arbeiterjugend, Eskil Pedersen, eine weiße Rose nieder. Das Sommercamp der Parteijugend war von dem Täter am Freitag angegriffen worden.
Nach dem Gottesdienst kennen die Tränen keinen Halt mehr. Trauernde stützen sich gegenseitig. Stoltenberg umarmt einen hemmungslos weinenden Jungen. Andere Jugendliche stehen allein vor dem Blumenmeer an der Domkirche. Einer schlägt die Hände vor das Gesicht. Ein Mädchen zerwühlt sich die Haare. Unter anderem ist Eskild Pedersen ist zu sehen, ein junger Nachwuchspolitiker, der am Freitag auf der Insel seine Freunde sterben sah.
Solidarität in Europa
Am Samstag hatten bereits zahllose Menschen in Europa ihre Trauer kundgetan und Kerzen vor den Nordischen Botschaften in Berlin aufgestellt. Die Flaggen hingen auf Halbmast. Zahlreiche Menschen waren gekommen, um ihre Solidarität zu bekunden. Am Eingangsbereich des Botschaftsgeländes wurden für die mindestens 91 Toten der beiden Anschläge Blumen abgelegt, zumeist Rosen.
Einer von den Trauergästen ist der Berliner Rechtsanwalt Nicolas von Behr, er hält einen Strauß Rosen in der Hand. Behr ist in Begleitung seiner Hamburger Neffen gekommen. "Für mich war es schockierend, wie hoch die Opferzahlen sind. Es ist unvorstellbar, dass ein Einzelner so viele Menschen töten kann", sagt er. "Das ist ein Tag der Trauer für ganz Europa." Mit ihrem Kommen wolle die Familie ein Zeichen der Verbundenheit mit dem norwegischen Volk setzen.
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