Notfall Hörsturz
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 22.08.2008Der akute Hörsturz, sagen HNO-Spezialisten, muss dringend untersucht und schnell behandelt werden. Oft geht er von selbst wieder zurück, manchmal aber verbirgt sich eine komplexe organische Ursache. Über die Therapien sind Mediziner weltweit allerdings uneins.
Düsseldorf Es war ein unverdächtiger Tag im August, als Anke Heuter-Senden aus heiterem Himmel das geflügelte Wort vom tauben Ohr an sich selbst erlebte. Von jetzt auf gleich war alles weg, kein Ton mehr, das linke Ohr fühlte sich an, als sei es verklebt, und die 37-Jährige aus Geilenkirchen ahnte: Das muss ein Hörsturz sein. Und sie wusste, dass man ihn nicht auf die lange Bank schieben sollte.
Tatsächlich weiß jeder Laie, dass ein Hörsturz ein akuter Fall ist. Andererseits muss kein Betroffener, den er abends um 19 Uhr überfällt, noch in der Nacht ins Krankenhaus kommen. Die umfangreiche Diagnostik kann ohnedies erst am kommenden Morgen stattfinden. Tatsächlich benötigt der Arzt Zeit und einen großen Apparatepark, um den genauen Grund der Hörminderung zu ergründen. Denn Hörsturz – sagt Michael Vollrath, Professor für HNO-Heilkunde an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach – ist nicht gleich Hörsturz.
Der eine Patient hat einen Hochtonverlust, den anderen erreichen tiefe Frequenzen nicht mehr, beim dritten ist ein Tinnitus draufgesattelt, den vierten schüttelt Schwindel, der fünfte saß in einem Rockkonzert, der sechste am Schreibtisch. Meist wird nach medizinischer DRG-Klassifikation die Formel H90.4 (Hörverlust, Schallempfindungsstörung) oder H91.2 (Hörsturz) gewählt. Ansonsten wissen Ärzte über den Hörsturz wenig; so geistern zahllose Ursachentheorien durch die Literatur; Vollrath etwa ist ein Spezialist für den „endolymphatischen Hydrops“, eine Art Abflussstörung im Innenohr, die einen Tieftonschaden hervorruft und die mit einem – nach Vollrath benannten – Entwässerungsverfahren behandelt werden kann.
Keiner hat bislang das Medikament gefunden, das in jeder Lage wirkt. So gibt es massiven Theoriestreit unter HNO-Heilkundigen. Die einen schwören auf Kortison, die anderen auf Sauerstoffzufuhr und Überdruckkammern. Oft setzen die Ärzte auf Blutverdünnung (etwa Pentoxifyllin), kombiniert mit HES (Hydroxyethylstärke), einem so genannten Plasmaexpander, der bei Dopingkontrollen im Sport leicht auffällt. HES hat zudem eine üble Begleiterscheinung: Sie löst relativ oft Juckreiz aus, „darum darf HES“, sagt Vollrath, „nur in festgelegten Abständen und nur sehr kontrolliert verabreicht werden“.
Evidenz-basiert – heilige Kuh medizinischer Wirkungs- und Gültigkeitsberechnung – ist jedes dieser Therapieverfahren aber nur bedingt. Das heißt indes nicht, dass es unwirksam ist, sondern nur, dass keine genügend großen und eindeutigen Studien vorliegen. Die Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde empfiehlt in ihren Richtlinien die Infusionstherapie (anders als in Großbritannien oder den USA); doch selbstverständlich weiß sie, dass in einigen Studien die Ergebnisse der Kontrollgruppe mit Scheinmedikament dummerweise ähnlich gut ausfielen.
Ohnedies sind Wirkmechanismen der Hörsturz-Therapie noch kaum ermittelt. Das liegt zum einen an der Unzugänglichkeit und Mikrostruktur des Innenohrs, aber auch an der hohen Spontanheilungsrate (sie liegt bei etwa 80 Prozent), weswegen Ärzte nie sagen können, ob die Minderung der Beschwerden wirklich auf die Behandlung zurückzuführen ist oder sich gleichsam natürlich ergab. Das hat die Krankenkassen aus Kostengründen gegen eine stationäre Infusionstherapie aufgebracht. Einige Ärzte und Kliniken (etwa diejenige Vollraths) haben Spezialvereinbarungen mit den Krankenkassen getroffen.
Trotzdem sind sich auch HNO-Skeptiker sicher, dass jeder Patient mit Hörsturz zum Arzt muss. Organische Ursachen sind auszuschließen: Manchmal ist er Symptom des Morbus Menière (Drehschwindel), eines Tumors (etwa des Akustikusneurinoms) oder entzündlicher Erkrankungen des Gehirns. Nicht selten allerdings treten Hörminderungen auf, weil Hygienebewusste Ohrenschmalz mit Wattestäbchen entfernen wollten, aber tief in den Gehörgang drückten. „Diese Stäbchen sollten zum Ölen der Weichen der Modelleisenbahn verwendet werden. Im Ohr haben sie nichts verloren“, mahnt Vollrath.
Anke Heuter-Senden, die in Vollraths Klinik liegt, ist langsam auf dem Weg der Besserung. Ihr Hörsturz ging vermutlich auf eine „Ruptur des runden Fensters“ zurück, die eine sofortige Operation und Infusionstherapie nötig machte. Die Erholung bei einem solch schweren Fall kann einige Zeit in Anspruch nehmen.
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