Psychologen gegen Müllflut in Neapel
VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN - zuletzt aktualisiert: 03.07.2008Noch liegen 20 000 Tonnen Müll in den Straßen Neapels. Premier Berlusconi hat versprochen: Bis Ende Juli ist der Müll verschwunden. Danach soll ein Heer von Psychologen die Bürger auf sorgfältige Mülltrennung einschwören. .
Rom Vor 20 Tagen waren es noch 35 000 Tonnen Müll, die auf den Straßen Neapels herumlagen. Inzwischen ist die Zahl auf 20 000 Tonnen geschrumpft. Ende Juli, so hat es Premier Berlusconi versprochen, werden die Neapolitaner vom Müll befreit sein. Und dann kommen die Psychologen. Bis September sollen etwa 300 von ihnen aus Norditalien drei Monate lang in die Hauptstadt der Region Kampanien geschickt werden und die Bevölkerung von den Vorzügen der Mülltrennung überzeugen. „Ein Bataillon von Müllpsychologen, das nach Neapel zieht und die verzweifelten Menschen heilt? Nicht ganz“, sagt Luigi Ranzato, Präsident der Hilfsorganisation „Psychologen für die Völker“.
Vor ein paar Wochen hatte der italienische Katastrophenschutz bei Ranzato angefragt, ob die von ihm geführte Organisation bereit wäre, im Süden auszuhelfen. Regionalverbände der „Psychologen für die Völker“ gibt es nur in Norditalien. Geplant ist, dass 1000 Freiwillige aus ganz Italien nach Neapel kommen, um die Region in Sachen Mülltrennung zu instruieren und mitzuhelfen, den Müllnotstand ein für alle Mal zu beenden.
Bisher wurden die „Psychologen für die Völker“ bei Flugzeugkatastrophen, Erdbeben oder nach dem Tsunami im Indischen Ozean eingesetzt, um den Opfern bei der Überwindung ihrer Traumata zu helfen. Ranzato selbst war bereits in Ruanda und im Kosovo im Einsatz.
Bis September werden im wöchentlichen Wechsel mehrere Psychologen-Teams „informieren, animieren, überzeugen“. So beschreibt Ranzato die Aufgabe seiner Organisation in Neapel. „Mit dem klassischen Psychologen à la Sigmund Freud, wo der Patient auf der Couch liegt, hat das wenig zu tun.“ Ziel sei es, die Ressourcen der Gemeinschaft zu wecken. „Die Idee ist, Arbeitsgruppen mit Leuten aus der Bevölkerung zu bilden und dann spielerisch die Probleme zu lösen“, erklärt Ranzato.
Der Psychologe Luca Pezzullo aus Padua soll eine der Gruppen leiten. „Wir werden mit Kindern, Familien, Jungen und Alten zusammenarbeiten und zum Beispiel auch in Schulen gehen“, erklärt er. Dort würden dann Situationen simuliert, die sich auf den Müllnotstand und die Mülltrennung beziehen. Ein Beispiel? „Wir bilden kleine Gruppen mit drei Kindern, die Bälle in einer bestimmten Zeit sammeln müssen. Wer am schnellsten ist, gewinnt. Erst sind es 20 Bälle, beim zweiten Mal 40. Drei Kinder schaffen es nicht alleine, also müssen sich zwei Gruppen zusammentun. Man kann nur gewinnen, wenn alle zusammenarbeiten. Bei der Mülltrennung ist das doch genauso.“ Im Trentino, wo Luigi Ranzato zuhause ist, wird Müll getrennt. „Nicht überall, aber wir sind bei einem guten Prozentsatz angekommen“, sagt der Psychologe. In Neapel gibt es zwar Glas- und Papiercontainer – zur Reduzierung des Mülls haben sie aber wenig beigetragen. Neapel plant, dass nun jeder Haushalt seine Abfälle trennt.
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