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Sarrazin – brillanter Grobian

VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 30.07.2008

Berlin Der Bürgermeister der Bundeshauptstadt weiß, was er an ihm hat. Deshalb hat Klaus Wowereit zur neuesten Äußerung seines Finanzsenators Thilo Sarrazin, Arme sollten zum Energiesparen dicke Pullis anziehen, wohlweislich geschwiegen. Es ist freilich nicht das erste Mal, dass der wohl profilierteste SPD-Finanzpolitiker durch scharfe und politisch völlig unkorrekte Äußerungen Freund und Feind gleichermaßen gegen sich aufbringt.

Hartz-IV-Empfängern rechnete er schon mal aus, dass man sich mit knapp vier Euro am Tag „vollständig, gesund und wertstoffreich ernähren kann“. In der bekannten Fernseh-Talkshow bei Anne Will nannte er den Vorschlag seines Parteichefs Kurt Beck, gegen exorbitante Managergehälter vorzugehen, eine „lustige Idee“.

„Skurril-Senator“

Den Berlinern hielt er vor, dass sie ihren besonderen Finanzbedarf davon ableiteten, dass sie „eben etwas Besonderes“ seien. Obendrein meinte er, dass bayerische Schüler ohne Abschluss „mehr können als unsere Berliner mit Abschluss“.

Als Skurril-Senator bezeichnete ihn „Spiegel-Online“, als „zynisch“ die Berliner CDU. SPD-Finanzexperte Joachim Poß verließ einmal wütend eine Veranstaltung der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung, als Sarrazin die von der SPD immer wieder ins Spiel gebrachte Vermögensteuer als „ökonomischen Unsinn“ brandmarkte.

Der Querdenker ist nicht sonderlich beliebt. Doch Sarrazin macht nicht nur mit forschen Sprüchen, sondern auch mit Taten auf sich aufmerksam. Schon zur Wendezeit 1989/90 entwickelte der Sozialdemokrat – damals Referatsleiter für innerdeutsche Beziehungen im CSU-geführten Finanzministerium Theo Waigels – den monetären Fahrplan zur Währungsunion mit der DDR. Dabei empfahl er den Umtauschkurs 1:1, der sich geldpolitisch, nicht unbedingt lohnpolitisch, als der richtige erwies.

Eisenharter Sanierer

Als Finanz-Staatssekretär in Rheinland-Pfalz machte Sarrazin sich Gedanken zu einem gerechten Steuersystem mit einem einheitlichen Steuersatz – revolutionär für einen Sozialdemokraten, dem eigentlich die Steuer-Progression heilig sein müsste. Als die Union die Finanzen der Bundeshauptstadt Berlin mit Klüngelwirtschaft und Missmanagement vor die Wand fuhr, setzte der von Wowereit gerufene Finanzexperte eine eisenharte Sanierung des maroden Haushalts in Gang.

Von einem Durchbruch ist Sarrazin hier noch immer weit entfernt. Denn Berlin liegt mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 16 783 Euro noch immer auf Platz zwei der Bundesländer. Immerhin zahlte Sarrazin 2007 zum ersten Mal wieder Schulden zurück – 80 Millionen Euro. Der Bund will den Budgetausgleich erst 2011 erreichen.

Quelle: RP

 
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