Schulen lehnen Kopfnoten ab
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 14.12.2007 - 08:15Düsseldorf Einer der zentralen Punkte bei den Reformen von Schulministerin Barbara Sommer (CDU) gerät erneut unter Druck. Die Kopfnoten in ihrer jetzigen Form, die ab der vierten Klasse und in den weiterführenden Schulen gegeben werden müssen, stoßen in den Schulen mehr und mehr auf Ablehnung. Hauptkritikpunkt: Die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens in sechs Teilnoten und zahlreichen Einzelkriterien sei kaum praktikabel. „Selbst wenn man sich pro Teilnote nur einige Sekunden Gedanken über einen Schüler macht, kommen schnell fünf, sechs Stunden pro Lehrer und Halbjahr zusammen“, sagte Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes NRW, unserer Zeitung. Zahlreiche Gymnasien, wie in den Kreisen Wesel und Kleve sowie in Krefeld, haben sich daher darauf geeinigt, von der Note „Gut“ auszugehen und nur noch über Abweichungen zu reden. Die Krefelder Gymnasien haben dieses Verfahren in einem Schreiben an die Eltern offengelegt. Darin heißt es: „Wir gehen davon aus, dass unsere Schülerinnen und Schüler in der Regel die gestellten Anforderungen in vollem Maße (Notenstufe: gut) erfüllen.“
Peter van Eickels, Schulleiter des Gymnasiums Goch, betont, dass die Ausgangsnote „Gut“ den Erfahrungen an den Gymnasien entspricht: „An unseren Gymnasien sind doch in der Regel vernünftige Schüler.“ Er schätzt, dass bei zehn Prozent der Schüler von Abweichungen auszugehen ist.
Massive Kritik kommt mittlerweile auch von den Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Die Bistümer wollen sich die Vergabe der Kopfnoten nicht einfach vorschreiben lassen. Das Erzbistum Köln favorisiert Noten in Textform für das Arbeits- und Sozialverhalten, weil diese Form differenzierter sei. Das Bistum Aachen hat bisher noch keine Anweisung an seine Schulen zur Vergabe der Kopfnoten gegeben. Zum Hintergrund erläutert der Leiter der Bischöflichen Maria-Montessori-Gesamtschule in Krefeld, Hans-Willi Winden: „Wir haben pädagogische Probleme damit. Die Kriterien für die Kopfnoten sind im Ganzen dubios. Wir können unsere Schüler auch mit den normalen Erziehungsmethoden erziehen.“ Die standardisierte Beurteilung des Verhaltens stehe „zumindest in einer Spannung zum christlichen Menschenbild, weil es von der hohen Bedeutung der Einzelpersönlichkeit des Menschen ausgeht“. Das Schulministerium drohte an, die Schulaufsicht einzuschalten, sollten die Kopfnoten nicht umgesetzt werden.
Massive sachliche Bedenken haben auch die Lehrer an den staatlichen Schulen. Philologenverbands-Chef Silbernagel: „Die Lehrer beklagen, dass die Indikatoren fast schon polizeidienstliche Fähigkeiten verlangen.“ So sollten Lehrer beurteilen, ob ein Schüler bereit ist, seine Interessen zurückzustellen. „Wir wollen doch andererseits, dass Schüler für ihre Überzeugung eintreten. Da ist ein solcher Satz schon merkwürdig und stark auslegungsbedürftig.“
Silbernagel warnt davor, dass die Kopfnoten in ihrer jetzigen Form als „Bürokratiemonster“ zu einer Noteninflation führen. Er sei nicht gegen Kopfnoten, plädiere aber für eine Vereinfachung auf zwei Noten – eine für das Arbeits- und eine für das Sozialverhalten.
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