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Neubeginn: Sido: Aggro Berlin

VON DANI FROMM - zuletzt aktualisiert: 12.11.2009 - 13:52

"Nein. Nein, heute nicht." Diesmal werden mal keine Leute angespuckt. Sido versucht "sowas wie 'n Neubeginn", ganz ohne den Maskenmann. "Du kommst jetzt in den Schrank." Leicht macht er es damit weder sich noch seiner Hörerschaft.

Enttäuschte Fans der Anfangstage wetzen die Messer und beklagen den Tod des "superintelligenten Drogenopfers". "Das ist nicht mehr Sido", heult es, wohin man schaut. Seltsam, mit welcher Selbstverständlichkeit dem Schöpfer der Kunstfigur die Definitionsmacht über ebendiese abgesprochen wird.

Nicht mehr Sido, also? Blödsinn. "Aggro Berlin", das Album, bietet mehr Sido als je zuvor. An Authentizität mangelt es wahrlich nicht. Sido erzählt eine Geschichte, die ihm bestens vertraut ist: seine eigene. Die offenbarte, wäre sie nicht im Vorfeld in endlosen Interviews ausgebreitet worden, durchaus interessante Einblicke.

"Hey Du!" berichtet aus unsteten Kindertagen, in einer Offenheit, die überrumpelt. Sidos Ehrlichkeit entwaffnet derart, dass man die aufgesetzte Berlinerei in der beim Musical "Linie 1" entliehenen Hookline kaum noch übel nimmt.

Rückblicke ("Sido"), Bestandsaufnahmen ("Wenn das Alles Ist"), Bilanz ziehen ("Ich Bereue Nichts"): Sido leuchtet seine Entwicklung erbarmungslos aus und kommt zu einem Schluss, den man nur unterschreiben kann: "Es waren achtbare acht Jahre."

Freundschaft erkennt Sido zunehmend als wertvolles Gut - und feiert sie entsprechend. In diese Kerbe schlagen meine beiden erklärten Favoriten des Albums: Die Rentner-Kollabo mit Samy Deluxe zementiert beider Herren "Seniorenstatus": "Wir sind alt, doch für euch reicht es schon noch."

Paul NZA und Marek Pompetzki schrauben den üppig Bläser-dekorierten Beat dazu. Wer bei dem missglückten "Geburtstag", in Szene gesetzt von DJ Desue, nicht mit-leidet, hat ohnehin kein Herz.

"Man muss am Rand rumstehen, wenn man ein Mann ist", nehmen Siggi D! Soost und K.I.Z. in "Der Tanz" Jungmänner-Verklemmtheiten auf den Kieker - Schrittfolge inklusive. Auch diese Nummer: äußerst gelungen.

Sido ist echt. Deswegen vergebe ich Kifferklischee-Dreschereien in der Sunshine-Reggae-Hymne "Marie & Jana". Ich vergebe von Anfang bis Ende unlustige Skits aus dem Mund des ebenso unlustigen Kurt Krömer.

Ich vergebe den Totalausfall in Komplizenschaft mit dem Lieblings Rapper-Kollegen Harris. "Jetzt wird das Haus gerockt." Mit einem Refrain, der das Haus zu Tode ödet: sicher nicht.

Ich vergebe den Auftritt der Liebsten, auch wenn Doreen mit ihrem hämischen Nachtreten in Richtung der "Schlampen Von Gestern", der Abrechnung mit Sidos Verflossenen, den verrückten Charme raubt und den Spaß ruiniert. Dennoch: Gesang zu Klavier- und Streicherbegleitung hätte ich Sido nicht zugetraut. Der Überraschungspunkt geht an ihn.

Ich vergebe Sido, eine Einladung an G-Hot ausgesprochen zu haben. Denn so bekommt man dessen stumpfe Unbelehrbarkeit noch einmal auf dem Silbertablett zurück ins Gedächtnis gerufen. Ganz im Gegensatz zu dieser Dumpfbacke wirkt Sido, obgleich er ebenfalls "nichts bereut", gereift und reflektiert.

Darum geht es eigentlich doch, plärrt man nach realness. "Ich hab' mich geändert, also hat meine Musik sich auch geändert", bemerkte Sido kürzlich lapidar in einer Talkshow. Andere Umstände produzieren andere Ergebnisse.

Das darf man - ähnlich der Entwicklung eines Dizzee Rascal - schade finden, musikalisch uninteressant bis untragbar. Unaufrichtig ist es nicht. "Deutschland hat mich zurück aufn Beat, weil die Hure mich liebt" - oder wie schrieb einst Kollege Gässlein: "Jedes Land bekommt die Rapper, die es verdient."

Quelle: laut.de

 
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