Sport in maroden Hallen
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 02.06.2008In vielen Kommunen klaffen Löcher in den Decken von Turnhallen, machen sich Keime in Duschanlagen breit. Bundesweit wird der Sanierungsbedarf auf 40 Milliarden Euro geschätzt. In Moers musste sogar ein komplettes Sportzentrum über Nacht schließen – Ergebnis jahrelanger Misswirtschaft.
Moers / Düsseldorf Fritz Burger, Schulleiter am Gymnasium Rheinkamp in Moers, ist dankbar für jeden Tag, an dem es nicht regnet. Denn dann können seine Schüler zum Sportunterricht ins Freie. Eigentlich verfügt die Schule auch über eine große Halle im benachbarten Sportzentrum, doch die ist seit Beginn des Monats gesperrt, ebenso wie das unter dem gleichen Dach gelegene Hallenbad. Direkt betroffen sind mehr als 2500 Schüler im Stadtteil sowie etliche Fünftklässler aus dem gesamten Stadtgebiet, die im Hallenbad ihren Schwimmunterricht erhielten. Auch Tausende Vereinssportler müssen ihr Training streichen. Hoffnung auf eine Sanierung gibt es nicht. Der gesamte Gebäudekomplex ist baufällig und stellt nach Meinung von Experten ein Sicherheitsrisiko dar. Der Abriss ist nur eine Frage der Zeit.
Das Sportzentrum Rheinkamp ist kein Einzelfall. „In vielen Kommunen in NRW sind Sport- und Schwimmhallen, aber auch Rathäuser und Schulen in einem erbärmlichen Zustand“, sagt Eberhard Kanski vom Bund der Steuerzahler. Das gelte besonders für Städte im Ruhrgebiet. Laut Landessportbund NRW (LSB) werde der bundesweite Sanierungsbedarf an Sport- und Schwimmhallen in Deutschland auf 40 Milliarden Euro geschätzt. „Die meisten der jetzt sanierungsbedürftigen Sporteinrichtungen sind während des Baubooms in den 70er Jahren errichtet worden. Jetzt müssen sie renoviert werden, aber den Kommunen fehlt dafür oft das Geld“, sagt LSB-Experte Achim Haase. Das bestätigt Steuerfachmann Kanski: „Jahrzehntelang wurden in den Städten keine Rücklagen gebildet, obwohl klar war, dass die Einrichtungen irgendwann einmal abgenutzt sein würden. In den Unterhalt der Sportstätten wurde nur investiert, wenn gerade Geld in den Kassen war.“
Aufgrund der in den vergangenen Jahren meist chronisch engen Finanzlage handelten die Verantwortlichen in den Kommunen oft erst, wenn es gar nicht mehr anders ging: So klaffen in der Realschule Erkrath-Hochdahl seit Jahren Löcher in der Turnhallendecke. Als Bauexperten vor einem halben Jahr darin ein Sicherheitsrisiko sahen, wurde die Halle für Ballspiele gesperrt. Erst in den Sommerferien soll mit der Renovierung begonnen werden. Allein für die Erneuerung der Decke werden rund 40 000 Euro veranschlagt.
Am Gustav-Heinemann-Schulzentrum in Dinslaken können die Umkleidekabinen seit einem Jahr nicht mehr benutzt werden. Dort haben sich Legionellen gebildet, gefährliche Bakterien, die sich am liebsten in Warmwasser-Rohrleitungen aufhalten. Auch dort steht für den Sommer eine Sanierung an. Geschätzte Kosten: 100 000 Euro.
In Köln ergab jetzt eine Untersuchung, dass von 70 Schulsportanlagen 55 wegen Baufälligkeit nicht benutzbar sind. Zudem mussten zwei Turnhallen aus Sicherheitsgründen gesperrt werden.
Ähnlich die Situation im Ruhrgebiet: „Viele Schwimmhallen sind aus Kostengründen dichtgemacht worden. Und wenn in einer Turnhalle etwas kaputtgeht, fällt an der Schule der Sportunterricht aus“, berichtet Birgit Völxen von der Landeselternschaft Grundschulen in Bochum. „Da wächst wegen fehlender Sportstätten eine Generation sportlich schlecht ausgebildeter Schülerinnen und Schüler heran“, fürchtet Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. „Das Land muss endlich Druck auf die Kommunen machen.“
Allerdings redet selbst der Landessportbund nicht einer Sanierung um jeden Preis das Wort. Denn gerade in den 70er Jahren genehmigten sich viele Kommunen Sportstätten, die eigentlich viel zu groß für den Zuschnitt der Gemeinde waren. Moers ist ein Paradefall. Denn die Gemeinde Rheinkamp gönnte sich vor 35 Jahren schnell noch ihr Sportzentrum, ehe sie nach Moers eingemeindet wurden. So hatte die 100 000-Einwohner-Stadt jahrelang gleich zwei Hallenbäder. Dumm nur, dass eines von ihnen zwischenzeitlich wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste, so dass es nun keine überdachte Schwimmmöglichkeit in Moers mehr gibt.
Der Verlust des Bades betrifft vor allem den Breitensport, der der Sporthalle hat auch Auswirkungen auf den Spitzensport in der Stadt. Der steckt nun in einer schweren Krise. „Die Baumängel sind schon seit mindestens zwei Jahren bekannt, warum hat man nicht längst Pläne für eine neue Halle in der Schublade“, fragt Georg Grozer. Sein Team, die Bundesliga-Volleyballmannschaft des MSC Moers, hat Trainings- und Heimspielstätte verloren. Alle anderen Hallen in Moers sind für Bundesligaspiele zu niedrig. Grozer hofft nun auf eine Ausnahmegenehmigung durch den nationalen Verband, aber für internationale Wettbewerbe sieht er schwarz: „Vielleicht müssen wir in eine andere Stadt ausweichen oder die Spiele sogar ganz absagen.“
Inzwischen plant die Stadt über ihre neu gegründete Sportstätten- und Bäder-GmbH eine neue Sporthalle und ein neues Schwimmbad. Fertigstellung: vermutlich in drei oder vier Jahren.
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