Tod beim Barbier
VON FRANK NOACK - zuletzt aktualisiert: 21.02.2008In „Sweeney Todd“ spielt Johnny Depp einen mordenden Friseur, der sich mit einer kannibalischen Pastetenköchin verbündet. Leider bleibt Tim Burton zu brav bei der Musicalvorlage, ein guter Musikfilm gelingt ihm dennoch.
Normalerweise ist es ein Lied, das sich bei einem Musical nachhaltig einprägt. Bei „Sweeney Todd“ ist es ein Bild. Und zwar ein abstoßendes, jedenfalls für Theaterbesucher. Ein Bild, wie man es sonst nur in Horrorfilmen zu sehen bekommt. Der Londoner Barbier Sweeney Todd lässt seine Kunden Platz nehmen, kippt den Stuhl nach hinten, seift sie ein, rasiert sie und schneidet ihnen dann die Kehle durch.
Als Stephen Sondheims Musical 1979 am Broadway uraufgeführt wurde, ging die Hälfte des Publikums nach der Pause – angewidert und verstört. Die Inszenierung brachte es dennoch auf 557 Vorführungen und erhielt acht Tony Awards. Inzwischen lockt „Sweeney Todd“ gerade wegen seiner Grausamkeiten Zuschauer in aller Welt an. Seit 2000 wird das Werk sogar von Opernhäusern gespielt.
Der Autor der literarischen Vorlage konnte nie ermittelt werden, und besonders originell ist die Geschichte auch nicht. Man findet ähnliche Motive bei Wilkie Collins, Charles Dickens, Gaston Leroux oder Alexandre Dumas. Vor allem bei Dumas: Der Friseur Benjamin Barker ist ein Seelenverwandter des Grafen von Monte Cristo. Ihm widerfährt furchtbares Unrecht, er verliert die geliebte Frau, wird in die Verbannung geschickt, kehrt unter falschem Namen zurück und übt Rache. Der Graf von Monte Cristo macht sich nicht die Hände schmutzig, er intrigiert einfach gegen die Intriganten. Barker alias Sweeney Todd macht sich mehr als nur die Hände schmutzig. Wenn er seine ehemaligen Peiniger abschlachtet, ist er von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt, und die Zimmerwände muss er auch streichen.
Zwei respektable Filme haben sich bereits mit der Legende von Sweeney Todd befasst: 1936 entstand ein flottes B-Picture in England, und John Schlesinger richtete 1998 eine Version fürs Fernsehen ein. Nun also Tim Burton, der große Visionär, bei dem man sich immer auf herausragende Bilder verlassen kann. Er liefert eine saubere, ordentliche Arbeit ab, aber soll man sich als Zuschauer damit zufrieden geben? Verlangt die Geschichte nicht eher ein Kino der Exzesse?
Die gesamte Handlung scheint nur an zwei Schauplätzen zu spielen. Da ist das verwanzte Gasthaus von Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die Sweeney Todd ein Zimmer im zweiten Stock vermietet. Und es gibt das vornehme Haus des Richters Turpin (Alan Rickman), an dem Sweeney Todd sich rächen will. Die Dekorationen wirken entweder zu theaterhaft oder nicht theaterhaft genug, wie der gesamte Film sich nicht zwischen Realismus und Stilisierung entscheiden kann.
Die schmuddelige Straßenecke, an der das Haus von Mrs. Lovett steht, ermüdet ebenso wie die immergleichen Morde. Eine unerwartete Wohltat ist der Ausflug ans Meer, den Sweeney Todd mit Mrs. Lovett und einem Gesellen unternimmt. Ansonsten spielt der gesamte Film im Reich der Finsternis.
Johnny Depp macht seine Sache gut, wirkt aber durch die gesanglichen Anforderungen gehemmt. Gleich drei Schurken spielen ihn an die Wand: Neben Alan Rickman sind das Timothy Spall und der umwerfende „Borat“ Sasha Baron Cohen. Fast wünscht man sich, Cohen hätte statt des schmierigen italienischen Barbiers Pirelli die Titelrolle gespielt. Depp vermittelt nur Trauer; Cohen hätte Wahnsinn gespielt.
Mit all seinen kleinen Schwächen ist „Sweeney Todd“ die beste Musicalverfilmung seit langem. Doch dazu gehört nicht viel bei der mageren Konkurrenz. Das Problem bei solchen Filmen ist, dass sich der Regisseur aus rechtlichen Gründen an die Vorlage halten muss. Im Idealfall löst sich eine Musicalverfilmung von ihrer Vorlage. Tim Burton ließ sich zur gewissenhaften Rekonstruktion einer Broadway-Inszenierung nötigen. lll
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