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Walser in Weimar

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 29.02.2008

„Ein liebender Mann“ heißt der neue Roman von Martin Walser – ein Buch über die späte Liebe des alten Goethe. Das Werk wurde jetzt erstmals

mit einer „Urlesung“ im Weimarer Stadtschloss vorgestellt. Sogar Bundespräsident Horst Köhler eilte herbei.

WEIMAR Kaum anders dürfte es hier vor 200 Jahren zugegangen sein: Der Dichter bittet ins Schloss zum kurzweiligen Vortrag, und das Volk eilt herbei, angeführt vom ersten Mann im Staate. Diese Szene hat Namen: Der alte Martin Walser ist nach Weimar gekommen, um dort aus seinem neuen Roman über den alten Goethe zu lesen. Mit Verlaub: „Urlesung“ heißt das Beisammensein im Prunksaal, der 180 Zuhörer akzeptiert. Und da sitzen wir dann stumm und schon etwas andächtig, unterdessen Bundespräsident Horst Köhler eintritt mit Gefolge – das ist heutzutage die „Security“ – und erst danach Walser, ohne Lorbeer, aber viel gekämmter als sonst.

Ein wenig roch es in Weimar also nach Staatsakt, als sich die Wagenkolonne mit Republik-Standarte vom Hotel Elephant zum Stadtschloss in Bewegung setzte. Dieser Weg dauert zwar nur geschätzte 65 Sekunden zu Fuß, aber: Sicher ist sicher. All das mit spitzer Feder aufzupiksen, wäre leicht. Jedes Wort ein Treffer, so groß erschien die Zielscheibe zu Weimar. Aber daraus soll nichts werden, weil dieser Roman – „Ein liebender Mann“ – ein ganz unglaublicher ist: Walsers bester seit vielen Jahren und das vielleicht schönste, traurigste und heiterste Buch dieses Frühjahrs. Diese Hoffnung hegt wohl auch Rowohlt-Verleger Alexander Fest: Startauflage 150 000 Exemplare.

Was man lesen und hören kann? Natürlich den „Walser-Sound“, diesmal aber gedämpfter. Walser erzählt leiser als sonst, auch leichter. Behutsam will er uns den alten Goethe vorstellen, der sich 1832 in Marienbad ein letztes Mal verliebte. Das Dumme: Goethe ist bereits 74 Jahre alt, die angebetete Ulrike von Levetzow aber erst 19. 54 Jahre Unterschied! Da kann man mit den Zahlen jonglieren, wie man will, am Ende geht diese Rechnung nicht auf. Eine „Extremität“ nennt Walser die 54 Jahre – aber keinen moralischen Skandal. Das wäre nach seinen Worten dann doch eine Form von Altersrassismus. Ohnehin scheint Goethe gar keine Wahl zu haben, weil wahre Liebe stets radikal ist: „Ulrike oder nicht, da gibt es keine Ermäßigung“, heißt das bei Walser.

Goethes Heiratsantrag wird so dezent abgelehnt, dass es keine Blamage für ihn wird; aber neun Jahre vor seinem Tod gereicht ihm die Absage zur Katastrophe. Ausgerechnet dem Allesgelinger Goethe missglückt der Lebensabend! Dass der Dichter zum edlen Entsager wird, will Walser partout nicht glauben. Ein altes Rokoko-Spielchen sei das allenfalls, eine letzte Inszenierung für Weimar, welche die Niederlage verbergen und huldvolles Andenken garantieren soll.

So erzählt uns Walser von den Leiden des alten Werthers; nur: diesmal erschießt sich der unglücklich Liebende nicht. Der junge Goethe lässt Werther Selbstmord begehen, der alte Goethe rettet sein eigenes Leben mit Schreiben – und mobilisiert dabei alle schöpferische Kraft. Seine Marienbader Elegie, die Goethe auf seiner traurigen Heimfahrt noch in der Kutsche zu schreiben beginnt, wird zum Rettungsboot. So könnte, nein: so muss das gewesen sein – „sonst macht die Elegie keinen Sinn“. Sie ist das Zeugnis dafür, dass das Leiden schön werden könne durchs Schreiben. Sagt Walser emphatisch. Und viel leiser: „Aber es verschwindet nicht.“

Aber ist „Ein liebender Mann“ denn wirklich ein Goethe-Roman? Was bleibt nach Abzug der Weimar-Kulisse, die das 19. Jahrhundert nicht nur für Studiosus-Reisende zur Erlebnis-Gegenwart restauriert hat? Ein Roman über eine unmögliche Liebe, ein Roman auch über das Alter und die furchtlose Liebe im Alter. Ein Roman vielleicht über Martin Walser. Zugegeben: Wer dem 80-Jährigen im Stadtschloss mit Autobiografischem kam, wurde mit Groll und finsterem Augenbrauen-Rollen nicht unter einer Minute abgestraft. Aber was will man machen, am Ende hat der Leser alle Deutungshoheit. „Ich will erzählen, was Liebe aus einem Menschen macht“, sagt Walser. Darum ist es Walser oft gegangen, genährt, getrieben, befeuert vom eigenen Leben. Schreiben als Strategie, mit der die Wirklichkeit überlistet werden kann, und als Kur, mit der die Verletzungen hernach gepflegt werden können. Walser ist nicht Goethe, aber Goethe ist bei Walser unverkennbar noch einmal in die Sprachschule gegangen. In der Lebensschule sitzen sie eh in einer Bank.

Auch Walser hat sich darum in Ulrike von Levetzow verliebt. Er sei jetzt „auf Ulrike spezialisiert“, frohlockt er. Und weil das so ist, konnte er all die vermeintlichen Goethe-Briefe, die Ulrike kurz vor ihrem Tod im November 1900 verbrennen ließ, nachliefern. Walser hat sie einfach neu geschrieben. „Da soll noch jemand sagen, ich hätte die Wirklichkeit nicht zu Wort kommen lassen“, sagt er. Der Bundespräsident ist längst abgereist. Spät geworden ist es im Stadtsschloss zu Weimar, unweit vom Frauenplan, wo Goethe wohnte, sehr weit weg von Marienbad, dem Ort seiner letzten, großen und in zweifachem Sinne: unerhörten Liebe.

Quelle: RP

 
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