Mieses Wetter – miese Laune?: Warum der Herbst oft schwermütig macht
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 09.10.2011 - 20:04Düsseldorf (RP). Regen, Wind und Kühle: Wenn sich der Sommer verabschiedet, kommt uns oft die ein oder andere Trübung des Gemüts in die Quere. Das kann mit mangelndem Licht zusammenhängen. Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Ein Gespräch über herbstliche Stimmungsschwankungen mit dem Psychiater Frank Schneider.
Viele Menschen leiden unter Stimmungsschwankungen und fragen sich besorgt, ob der Ausschlag von Niedergeschlagenheit und Euphorie bei ihnen noch normal ist, oder sich zur Depression auswächst. Gerade jetzt, wenn bald die freundliche Sommersonne dem düsteren Herbstlicht weicht. Frank Schneider ist einer, der es wissen muss, der genau die Grenze kennt.
Seit 25 Jahren beschäftigt sich der Psychiater und Psychotherapeut mit Emotionen. Er untersucht mit seinem Team das Gehirn, und die Wissenschaftler kommen den Gefühlen immer genauer auf die Spur.
In der Aachener Uniklinik werden die Gehirnveränderungen bei psychischen Vorgängen des Menschen im Magnetresonanztomographen untersucht. Farbflecken zeigen an, was passiert, wenn der Mensch etwa leckere Vanille riecht oder stinkigen Schwefel. Im Gespräch erklärt der Spezialist vom Uniklinikum Aachen, was wir von Stimmungsschwankungen zu halten haben und wie wir damit umgehen.
Herr Professor Schneider, wenn es draußen früher dunkler wird, werden sie verstärkt wahrgenommen und peinigen viele Menschen ganz arg: Was sind Stimmungsschwankungen?
Schneider Stimmungsschwankungen gehören zum Leben dazu – ohne sie wäre es langweilig. Aber man muss aufpassen, dass man nicht alles psychiatrisiert. Es gibt Stimmungsschwankungen bei Kranken, die meisten kommen aber bei völlig gesunden Menschen vor. Zu einer positiven Grundtönung können wir Höhen und Tiefen durchleben, und das ist gut so. Anders wäre das Leben furchtbar leer.
Wer unter Stimmungsschwankungen leidet, ist also erst mal nicht krank?
Schneider So ist es. Im Prinzip sind sie erst einmal eine Veränderung einer Befindlichkeit und einer Laune. Die positiven und negativen Ausschläge gehören dazu. Jemand schmeißt die Tür, doch am nächsten Morgen ist die Welt wieder in Ordnung. Als Psychiater und Psychotherapeut spricht man vor allem dann von Stimmungsschwankungen, wenn – zum Beispiel bei einer Depression – die Stimmung ohne jeden äußeren Anlass besonders häufig oder in besondere Extreme schwankt und mehr als 14 Tage anhält.
Wenn ich über zehn Tage tief traurig bin, habe ich noch keine Depression?
Schneider Ja. Dann kann es aber zum Beispiel eine akute Belastungsreaktion sein.
Wann können sich Stimmungsschwankungen zur Depression auswachsen? Wie ernst muss man sie nehmen?
Schneider Stimmungsschwankungen sollte man dann ernst nehmen, wenn sie über längere Zeit andauern, besonders extrem sind oder selbst- oder fremdgefährdende Ausmaße annehmen, zum Beispiel in Form von Selbstmordgedanken.
Welchen Einfluss haben Wetter, Licht und Mondphase?
Schneider Es gibt Menschen, denen das gar nichts ausmacht. Andere können schon nicht schlafen, da ist der Mond noch nicht da. Beim Mond weiß man wenig, warum das so ist. Beim Wetter ist es meist relativ trivial, es hat nicht einmal unbedingt mit dem Lichteinfluss zu tun.
Sondern?
Schneider Das Wetter wirkt direkt auf die Stimmung: Wenn es warm draußen ist, ist es auch meist netter, und die Stimmung ist von selber gut. Regnet es unerwartet, und ich habe keinen Schirm, dann kann die Laune schnell vermiest sein. Weniger Licht kann Verstimmung auslösen, das hat vor allem mit dem Hormon Melatonin zu tun, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert.
Wann kommen Stimmungsschwankungen außerdem vor?
Schneider Wir Fachärzte haben auffallend oft über die Feiertage gut zu tun. Das liegt an der Tatsache, dass den Menschen dann schmerzlich bewusst wird, wenn ihnen ein soziales Netz fehlt. Oder dass es gerade dann Streit gibt.
Das heißt, Einsamkeit zieht runter?
Schneider Nicht nur. Häufig gibt es eben psychosoziale Auslöser, zum Beispiel ein Verlust des Lebenspartners durch Scheidung oder durch Todesfall. Hier gibt es keine besondere Verteilung über das Jahr.
Stimmungsschwankungen werden gerne Frauen zugesprochen und dabei auf ihre hormonelle Sonderlagen zurückgeführt. Was sagen Sie dazu?
Schneider Das hat damit zu tun, dass den Frauen im Allgemeinen mehr Emotionen zugeordnet werden. Und wenn’s dann mal ein bisschen laut wird, sagt man vorschnell solche Dinge.
Können auch Kinder unkontrollierte Stimmungsschwankungen haben?
Schneider Ja. Sie sind bei ihnen sogar viel ausgeprägter, sie sind ja noch nicht so rational. Das ist für die Entwicklung wichtig. Sie lernen erst, ihre Emotionen zu kanalisieren.
Nehmen die Stimmungsschwankungen im Alter zu?
Schneider Das normale Alter bringt Reife und Abgeklärtheit mit sich. Irgendwann kann man ganz gut mit seinen Emotionen umgehen. Mit 60 oder 70 Jahren wird man noch mal etwas ruhiger und gelassener.
Cholerische Männer, die aus heiterem Himmel verletzende, boshafte Pfeile abschießen, sind ein Ärgernis – was steckt dahinter?
Schneider Cholerische Auftritte können auch körperliche Ursachen haben, dass zum Beispiel die Schilddrüse verrückt spielt. Stimmungen lassen sich durch Hormone im Körper hin- und herschieben. Das Wahrscheinlichste aber ist, dass er einfach impulsiv ist oder eine Persönlichkeitserkrankung vorliegt. Es kann auch Überforderung sein. Oder schlechte Erziehung. Es gibt ganz verschiedene Ursachen.
Gibt es eine genetische Disposition für Stimmungsschwankungen?
Schneider Es kommt darauf an, ich halte es für wahrscheinlich. Wir erforschen dies aber gerade.
Gibt es physiologische Begleitreaktionen von Stimmungslagen?
Schneider Aus der Hirnforschung wissen wir, dass sich die Emotionen im Gehirn abbilden. Wenn sie sich sehr freuen oder furchtbar erregt sind, dann passieren mehrere Dinge gleichzeitig, der Herzschlag beschleunigt sich, man schwitzt oder zittert, man läuft auf Hochtouren. Das haben alle stark ausgeprägten Emotionen gemeinsam. Und wir schauen, was passiert – dank neuer bildgebender Verfahren haben wir die Chance, ins Gehirn hereinzuschauen und zu sehen, was sich bei extremer Erregung abspielt.
Welche Strategien helfen, gegen unwillkommene Stimmungsschwankungen anzugehen und anzukommen?
Schneider Man weiß ganz gut, dass es eine Reihe von schützenden oder protektiven Faktoren gibt. Diese sind ein erfülltes Berufs- und Sozialleben, insbesondere eine gute Unterstützung durch Freunde und Familie. Man soll diese Unterstützung auch in Anspruch nehmen.
Manche Menschen scheuen sich, sich anderen anzuvertrauen.
Schneider Ja, so ist das. Gerade psychische Erkrankungen sind immer noch stigmatisiert, und Patienten verschweigen diese sogar manchmal gegenüber Freunden oder Verwandten. Wenn sie sich einer Behandlung unterziehen, sind sie dann beispielsweise nicht in der Klinik, sondern zur Kur, oder so.
Wann muss man den Arzt aufsuchen?
Schneider Wenn die Stimmungsschwankungen länger, das heißt mehr als 14 Tage anhalten, oder sehr belastend sind, sollte man sich professionelle Hilfe, zum Beispiel bei niedergelassenen Psychiatern, suchen. In akuten Fällen darf man auch nicht davor zurückschrecken, die Notaufnahme eines psychiatrisch-psychotherapeutischen Krankenhauses aufzusuchen.
Gibt es eine Form von persönlicher Vorbeugung?
Schneider Man weiß heute sehr gut, dass körperliche Betätigung bei psychischen Erkrankungen gut hilft. Darüber hinaus tut uns Sonnenlicht in einem normalen Ausmaß sehr gut. Man sollte sich also zwingen, sich auch und gerade im Herbst bei jeder Gelegenheit an der frischen Luft zu betätigen. Das muss nicht immer Sport im engeren Sinne sein, schon Gartenarbeit oder spazieren gehen kann sehr gut tun.
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