Woher wir unser Wissen nehmen
VON FRANZISKA BLUHM - zuletzt aktualisiert: 29.11.2008Düsseldorf Der Masse wird nichts Gutes nachgesagt: Massengeschmack, Massenmedien, Massentourismus – das klingt nach Hamburger und Pommes, stumpfsinniger Daily-Soap und ewiger Routine am Ballermann. Niemand will dazu gehören. Doch zahlreiche Beispiele zeigen, dass Masse nicht immer nur Mittelmaß bedeutet. Gut zu sehen ist dies im Internet. Verschiedene Beispiele zeigen, dass mit Hilfe der Masse Wissen generiert werden kann und sogar neue Produkte entstehen.
Kollektive Intelligenz ist das, was sich am leichtesten an der populären Internetseite Wikipedia erklären lässt. Das Lexikon ist mittlerweile zu einem echten Konkurrenten für auf Papier gedruckte Lexika wie Brockhaus und Co. geworden. Eine Untersuchung des wissenschaftlichen Informationsdienstes Köln ergab sogar, dass Wikipedia in Sachen Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit oft bessere Noten erzielt als seine in die Jahre gekommenen Konkurrenten. Der Unterschied: Bei Wikipedia werden Artikel nicht von bezahlten Autoren geschrieben, sondern von tausenden Freiwilligen. Überwacht werden diese von ein paar hundert Administratoren, die die Qualität der Beiträge im Blick behalten.
Auch die Suchmaschine Google nutzt die Massen. Die Ergebnisse einer Suchanfrage werden auch dadurch bestimmt, wie häufig andere Menschen diese zitiert haben. Je häufiger dies geschieht, desto prominenter wird eine Seite angezeigt.
Es ist auch die Suche nach Transparenz, die Menschen im Internet suchen. Deshalb sind auch Bewertungsportale wie die Shoppingseite Amazon oder das Reiseportal Expedia so erfolgreich. Diese Seiten nutzen das Wissen ihrer Nutzer, um andere Menschen zu Kaufentscheidungen zu bewegen. Ein neuer Fotoapparat, ein Buch, eine Reise – nicht mehr der Experte im Laden um die Ecke entscheidet, welches Produkt gekauft wird. In diesen Bewertungsportalen sagen Konsumenten ihre Meinung über Produkte, und andere hören auf sie. Es gibt kaum noch ein Produkt, über das man im Internet nicht lesen kann, welche Erfahrungen vorherige Käufer mit ihnen gemacht haben.
Kein anderes Medium macht die Vernetzung von Wissen so einfach wie das Internet. Ein Perry-Rhodan-Fan aus Ostfriesland kann einem ähnlich gesinnten Unbekannten aus St. Petersburg auf dem digitalen Weg bei der Frage helfen, ob Professor Nordmann nun im Band 157 oder 158 mitgespielt hat. (Antwort: 157). Die beiden kennen sich nicht, aber über das Hobby finden und helfen sie sich.
Gute Produkte und Dienstleistungen werden weiterempfohlen, sie finden ihre Kunden. Einige Firmen und auch Künstler haben darauf reagiert. Musikvideos entstehen aus Video-Schnipseln, die tausende Fans im Netz hochladen. Die Entwickler der freien Software Linux bauen darauf, dass ihre Nutzer das Programm ständig verbessern und weiterentwickeln. Und US-Blogger versuchen gerade mit Hilfe ihrer Leser einen Computer zu bauen, der so dünn wie das MacBook Air, über einen Touchscreen wie ein iPhone verfügt und trotz allem nur 150 Euro kostet. Masse muss nicht Mittelmaß bedeuten. Masse kann auch Innovationen schaffen.
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