150 Jahre Opel-Tradition: Laubfrösche, Doktorwagen und Kapitäne
VON WOLFRAM NICKEL - zuletzt aktualisiert: 05.01.2012 - 14:35Köln (RPO). "Stinkkarren für Reiche" nannte Konzerngründer Adam Opel die neumodischen Automobile anfänglich. Und dennoch sollte das 1862 in einem Rüsselsheimer Kuhstall gegründete Unternehmen aufsteigen zum zeitweise größten europäischen Automobilhersteller.
Während Adam Opel vor allem auf Nähmaschinen und Fahrräder setzte, bauten seine Söhne mit dem Typ 4/12 PS Laubfrosch das erste deutsche Fließbandauto, einen relativ erschwinglichen Volkswagen - lange bevor der Wolfsburger Käfer das krabbeln lernte.
Auch nach dem 1929 erfolgten Verkauf an den amerikanischen General Motor Konzern (GM) blieb Opel deutscher Marktführer mit einem Modellprogramm das vom kleinen Kadett bis zum großen Kapitän reichte. Als Volkswagen die Pole Position in der Zulassungsstatistik der deutschen Wirtschaftswunderjahre übernahm, wurde Opel zur Hauptmarke des GM-Konzerns in Kontinentaleuropa und Nahost. Zeitweise hatten die Rüsselsheimer sogar weltweite Bedeutung, die dazu führte, dass Typen im Zeichen des Blitzes auch in den USA, der Heimat des Mutterkonzerns, Erfolge einfuhren.
Blitz-Karriere wieder beendet
Als jedoch 1999 in Rüsselsheim ein Omega als 50millionster Opel vom Band lief, war diese Blitz-Karriere bereits wieder beendet. Krisen bei Qualität und Absatz bestimmten nun die Unternehmensgeschichte. Zeichen für die Zukunft setzen sollte erst wieder der 2008 lancierte Insignia. Er markierte den Anfang eines Modellfeuerwerks, mit dem sich Opel innerhalb des GM-Konzerns erneut als technologisches Kompetenzzentrum profilieren wollte, von dem sich die Amerikaner sogar in der folgenden Zeit eigener existenzieller Sorgen nicht trennten.
Das wichtigste Geschenk zum 150. Jahrestag des Unternehmens wären für Opel jedoch steigende Verkaufszahlen, damit der 1899 begonnene Automobilbau nicht nur große Tradition ist, sondern auch eine goldene Zukunft hat.
Die 1899 begonnene Herstellung von Automobilen in Rüsselsheim erlebte Unternehmensgründer Adam Opel bereits nicht mehr, er starb 1895 an den Folgen einer Typhus-Infektion. Dennoch legte der industrielle Pionier den Grundstein für den zweitältesten, heute noch bestehenden Automobilhersteller Deutschlands. Adam Opel hatte in Paris die Entwicklung und Produktion von Nähmaschinen erlernt und 1886, im Jahr der Erfindung der Patent-Automobile von Benz und Daimler, sein Produktprogramm um Fahrräder ergänzt, die bis 1937 in Millionenauflage produziert wurden. Die Chancen auf dem gerade entstehenden Automobilmarkt erkannten allerdings erst Adam Opels Söhne.
"Opel Patent-Motorwagen System Lutzmann"
Nach Besuchen bei verschiedenen Automobilfabrikanten erwarben die Opel-Brüder 1899 die Anhaltinische Motorwagenfabrik des Dessauers Friedrich Lutzmann und begannen mit dem Aufbau einer Automobilproduktion in Rüsselsheim. Erstes Modell wurde der "Opel Patent-Motorwagen System Lutzmann", ein technisch bereits nicht mehr tauffrisches Fahrzeug, das noch zu stark vom Kutschenbau inspiriert war. So folgte bereits 1901 die Trennung von Lutzmann. Anfang 1902 begann stattdessen die Lizenzfertigung französischer Darracq-Typen, die unter der Marke Opel-Darracq vermarktet wurden.
Noch im selben Jahr präsentierte Opel die erste Eigenentwicklung, den Typ 10/12 PS. Der endgültige Durchbruch gelang den Rüsselsheimern aber erst 1909 mit dem Modell 4/8 PS, dem legendären "Doktorwagen". Der robuste und relativ erschwingliche Kleinwagen war vor allem bei Landärzten beliebt und machte das Automobil in Deutschland allgemein salonfähig. Die Entwicklung zum Volks-Automobil leitete dann das Modell 5/14 PS von 1914 ein. Dieses vom Volksmund liebevoll "Puppchen" genannte Fahrzeug machte Opel am Vorabend des Ersten Weltkriegs zum größten europäischen Autobauer.
Radikal und revolutionär war die Reaktion der Opel-Brüder auf die Inflation von 1923. Das Werk wurde komplett umgebaut und auf die Fließbandfertigung eines einzigen Kleinwagentyps in einer Ausstattung und einer Farbe ausgerichtet. Der anfänglich stets grün lackierte Opel 4/12 PS wurde schon bald nur noch "Laubfrosch" genannt und avancierte mit 120.000 verkauften Einheiten zu einem Bestseller unter den frühen europäischen Volks-Wagen.
Raketengetriebene Rekordfahrzeuge
Die letzten Laubfrösche liefen 1931 unter einem neuen Hausherrn vom Band. Trotz aller Absatzerfolge und spektakulärer Marketingkampagnen mit raketengetriebenen Rekordfahrzeugen hatten die Opel-Brüder nach einem finanzstarken Partner gesucht, mit dem notwendige Investitionen in neue Modelle und Maschinen möglich waren. 1929 war es soweit: General Motors übernahm die Aktienmehrheit von Opel - kurz vor der Weltwirtschaftskrise.
Mit Kleinwagen konnten die Rüsselsheimer die folgenden schweren Jahre bewältigen und 1932 in Deutschland 50 Prozent Marktanteil erobern. Aber auch Sechszylinder und Lastwagen, darunter der berühmte "Blitz" sorgten für Umsatz. Mit der ersten selbsttragenden Ganzstahlkarosserie revolutionierten Olympia und Kadett in den Jahren 1935 und 1937 den Automobilbau. Ende der 1930er Jahre reichte das Programm bei Europas Autobauer Nummer eins vom kleinen Kadett bis zu den repräsentativen Flaggschiffen Kapitän und Admiral.
Dann kam das Ende durch Krieg und Zerstörung, das zugleich ein neuer Anfang war. Für die Sowjetunion in Form des ersten Volksautos, denn die Kadett-Produktionsanlagen dienten als Reparationsleistung und Basis für den Moskwitsch. Für Opel durch die Investitionen von GM in neue Modelle und Werke, mit denen die Marke schnell zurück finden sollte zu alter Größe.
"Rrrrrrrrrrrrooooooooooooooooooorrrrrrrrrrrrr!!!!"
Olympia (ab 1947), Kapitän (ab 1950) und Rekord (ab 1953) hießen die erfolgreichen Wirtschaftswundermodelle, der Kadett folgte 1962 aus dem neuen Werk Bochum und mit dem Diplomat präsentierte die Marke im Zeichen des Blitzes 1964 sogar ein Flaggschiff der Achtzylinder-Klasse. Symbole sportlichen Selbstbewusstseins waren der Rallye-Kadett von 1966 und der Opel GT von 1968. "Nur Fliegen ist schöner" verhießen die Plakate für den Sport-Zweisitzer im zeitlos schönen Anzug einer europäisierten Corvette. "Rrrrrrrrrrrrooooooooooooooooooorrrrrrrrrrrrr!!!!", nie zuvor waren Werbetexte so lautmalerisch - und offenbar unwiderstehlich. Über 103.000 Käufer bestellten einen GT.
Sogar über eine halbe Million Käufer fand der Manta, jenes nach einem Stachelrochen benannte Coupe, mit dem Opel die passende Antwort auf den Ford Capri fand. Aber auch die Wolfsburger Rivalen wurden durch die Rüsselsheimer 1972 noch einmal deklassiert als größter deutscher Autobauer. Sogar die erste Ölkrise bewältigte Opel vergleichsweise gut wie der 1976 erzielte Jahresabsatz von über 921.000 Fahrzeugen zeigte.
In die 1980er Jahre startete Opel mit neuen Konzepten: Der Kadett D war 1979 der erste Opel mit Frontantrieb, der Corsa lief ab 1982 im spanischen Saragossa als kleinster Nachkriegs-Opel vom Band und der Omega löste 1986 als strömungsgünstigste Serienlimousine der Welt den Rekord ab.
Qualitätsprobleme und Imageschaden
Dennoch zogen dunkle Wolken auf. Rigorose Sparmaßnahmen des später zu VW gewechselten Managers Jose Lopez de Arriortua bewirkten massive Qualitätsprobleme und einen längerfristigen Imageschaden für die Marke. Versäumnisse bei Modellentwicklungen und stärkere Wettbewerber aus dem aufstrebenden VW-Konzern sowie aus Japan und Korea stellten Opel vor weitere Herausforderungen.
Trotz allem gelang es Opel positive Signale zu setzen, mit denen die Rüsselsheimer ihre Position als zweitgrößter deutscher Autobauer vorläufig absicherten. 1991 startete der Astra als Golf-Rivale, ein Jahr später wurde das Werk Eisenach eröffnet und 1997 debütierte der Kompaktvan-Bestseller Zafira. Unter der Führung von Carl-Peter Forster gelang es Opel im neuen Jahrtausend die Produktqualität und die Produktivität in den Werken entscheidend zu verbessern.
2009 dauerte die Montage eines Autos bei Opel kaum mehr als 20 Stunden, 50 Prozent weniger als bei einigen Wettbewerbern. Den Verlust an Marktanteilen sollen die frischen Modelle Insignia (seit 2008), Astra (seit 2009), Meriva (seit 2010), Zafira Tourer und der elektrische Ampera (ab 2012) stoppen. Eine Herkulesaufgabe, mit deren Lösung sich Opel am liebsten selbst beschenken möchte zum 150. Gründungstag.
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