Experte im Interview: "1000 Autohändler werden insolvent"
VON JEAN-CHARLES FAYS - zuletzt aktualisiert: 02.09.2010 - 15:10Düsseldorf (RPO). Ein Jahr nach dem Auslaufen der Abwrackprämie rechnet Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer mit der Insolvenz von 1000 Händlern. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt der Professor an der Universität Duisburg-Essen, warum die Bundesregierung mit der Prämie seiner Ansicht nach fünf Milliarden Euro an Steuergeldern verbrannt hat.
Am 2. September 2009, 10.14 Uhr, ist der letzte Antrag für die Abwrackprämie gestellt worden. Dann war der Topf leer. 1,994 Millionen Autos wurden verschrottet und durch neue ersetzt. Die Bundesregierung hat fünf Milliarden Euro für die 2500-Euro-Prämie je Fahrzeug ausgegeben...
Dudenhöffer: ...Sie meinen verbrannt.
Wie bitte?
Dudenhöffer: Die Bundesregierung hat fünf Milliarden Euro verbrannt und damit genau erreicht, was ich vermutet habe. Im letzten Jahr sind mit Steuergeld viele Käufe vorgezogen worden. Wir hatten dementsprechend ein sensationelles Jahr 2009 mit 3,8 Millionen neu zugelassenen Autos. Dafür bleiben in diesem Jahr viele Privatkunden weg, da es wegen der Prämie in 2009 bereits viele Vorzugskäufe gab.
Dieses Jahr rechnen Sie nur noch mit 2,9 Millionen Autozulassungen. Das sind etwa ein Viertel weniger Autoverkäufe. Was hat das für Auswirkungen?
Dudenhöffer: Wir haben das konjunkturelle Problem mit den fünf Milliarden Euro einfach nur ein Jahr in die Zukunft geschoben. Mehr nicht. Das große Problem war die Verlängerung und die Höhe der Abwrackprämie. Sie können nicht in einem Markt, in dem jährlich etwa 3,2 Millionen Autos verkauft werden, zwei Millionen Autos mit so einer Subvention verkaufen. Dadurch wird der Markt zu stark aufgeblasen. In einem Land wie der Bundesrepublik ist der Markt gesättigt, da jeder Zweite ein Auto hat. Wenn dann soviel Geld auf einmal in den Markt geschüttet wird, führt das nur dazu, dass die Zukunftskäufe vorgezogen werden. Das große Loch reißt man dann später. Der große Fehler war, dass man ohne Gefühl für den Markt nur wegen Wahlkampf für zwei Millionen Fahrzeuge Subventionen bezahlt hat.
Wenn der Fehler so groß war, wieso haben dann Länder wie Russland, Frankreich und die USA die Abwrackprämie von Deutschland kopiert?
Dudenhöffer: Sie müssen immer gucken, wie es kopiert worden ist. Überall dort, wo es gemacht worden ist, ist es mit deutlich weniger Fahrzeugen gemacht worden. Kein Land hat soviel Geld in die Abwrackprämie gesteckt wie Deutschland. In Amerika hat Obama mit einer Miliarde Dollar etwa 400.000 oder 500.000 Autos subventioniert. Es kommt immer auf die Verhältnismäßigkeit an. In einem Markt, in dem jährlich etwa drei Millionen Autos verkauft werden, können nicht zwei Millionen Autos subventioniert werden. Da blasen wir eine Blase auf, die irgendwann platzt.
Hätte man also besser auf die Abwrackprämie verzichtet?
Dudenhöffer: Um die Konjunktur anzukurbeln, hätte die erste Tranche der Abwrackprämie mit Subventionen von 1,5 Milliarden Euro für 500.000 Fahrzeuge ausgereicht. Dann hätten wir einen Impuls in den Markt gegeben und hätten uns die anderen 3,5 Milliarden Euro Steuergelder sparen können. Im Vergleich dazu hat man für die ganze Elektromobilität in der Zukunft insgesamt nur 150 Millionen Euro ausgegeben. Frau Merkel sagt: „Ich will Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität entwickeln.“ Das ist lächerlich. Wir geben mehr Geld für die Zinsen aus, die wir für den Abwrackprämien-Kredit zahlen, als für eine Zukunftstechnologie. Wenn man die fünf Milliarden Euro in die Batterietechnik für Elektroautos investiert hätte, wäre es eine nachhaltige Investition gewesen. So ist das Geld für eine kurzfristige Wahlkampfpolitik in einem Jahr verpufft.
Was passiert, wenn die durch die Abwrackprämie aufgeblähte Blase platzt?
Dudenhöffer: Jetzt fehlen die Verkäufe, die 2009 vorgezogen wurden. Wenn die Verkäufe fehlen, hat man ein Problem mit den Autohändlern. In diesem Jahr werden wegen der Folgen der Abwrackprämie über 1000 Autohändler insolvent gehen. Das wären fast 200 mehr als im Jahr 2008. Was die Händler zusätzlich schädigt, ist, dass im letzten Jahr viele alte Fahrzeuge vom Markt genommen wurden. Die neuen Fahrzeuge sind weniger wartungsintensiv und man verliert im Werkstatt- und Ersatzteilgeschäft. Die Autobauer und die Händler haben den Markt trotz der hohen Nachfrage zusätzlich angeheizt. Diejenigen, die die größeren Fahrzeuge verkauft haben, waren in Zugzwang. Volkswagen etwa stand mit Golf und Passat weniger im Fokus der Abwrackprämie und musste mehr Rabatt draufgeben, um die Kunden auch auf diese Fahrzeuge aufmerksam zu machen. Dadurch hat VW zwar auch von der Abwrackprämie profitiert, aber die Marge hat sich im letzten Jahr dafür verschlechtert. BMW, Mercedes und Audi hat mit der Prämie kaum ein Fahrzeug mehr verkauft. Und genau da sitzen die Arbeitsplätze.
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