Hupen, bis die Ohren klingeln: Autokorsos: Gelebte Anarchie
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 27.06.2008 - 08:05Düsseldorf (RP). Nach jedem EM-Spiel ist auf Deutschlands Straßen wieder der Bär los: Mit immer größeren Autokorsos feiern die Fans ihre Mannschaft. Inzwischen haben die lärmenden Konvois auch das flache Land erreicht. Die modernen Triumph-Züge sind ein typisches Fußball-Phänomen.
Spätestens nach dem Halbfinal-Krimi gegen die Türkei haben es auch die letzten Fußballmuffel begriffen: Der Autokorso gehört zur EM wie die Braut zur Hochzeit. Der Schlusspfiff war kaum verhallt, da lärmte es auch schon in ganz Nordrhein-Westfalen aus Tausenden Hupen, flatterten Fahnen aus Autofenstern, flackerten Warnblinkanlagen um die Wette. „Das ist die Love-Parade des Fußballs“, sagt der Verkehrs-Soziologe Alfred Fuhr.
In diesen EM-Tagen rollen die längsten und lautesten Autokorsos aller Zeiten über Deutschlands Straßen. „Bei der WM vor zwei Jahren war das ja noch ziemliches Neuland für uns“, sagt Fuhr. „Inzwischen sind wir schon ganz gut geübt.“ Man könnte auch sagen: Wir Deutsche sind richtig süchtig geworden nach dem Triumphzug in unserer Blechkiste.
Das war früher ganz anders. Als unsere Fußball-Helden von Bern 1954 im offenen Käfer durch die Städte rollten, da standen die Fans noch als brav jubelnde Zuschauer am Straßenrand. Die ausgelassene und dezibelstarke Kolonnenfahrt kam erst später auf und war lange eine Spezialität von Gastarbeitern aus Italien, Spanien und der Türkei.
Ein Globalisierungsphänomen
Autokorsos, erläutert Soziologe Fuhr, seien ein „Globalisierungsphänomen“, das erst in den letzten Jahren so richtig nach Deutschland geschwappt sei. „Bis vor kurzem wäre doch bei uns nie jemand auf die Idee gekommen, so etwas zu veranstalten.“
Wobei von Veranstalten ja eigentlich keine Rede sein kann. Und von Fahren eigentlich auch nicht. Mehr als Stop-and-go geht meistens nicht. Die Leute steigen aus, klettern auf die Wagen, schwingen Fahnen und gröhlen sich die Seele aus dem Leib. Was zählt, sind die schönsten Mädchen, die größten Flaggen, das schrillste Outfit. „Und das Allerschönste ist, wenn man dann den ganzen Verkehr zum Erliegen gebracht hat“, sagt Fuhr.
Moderner Karneval
Der Autokorso, das ist gelebte Anarchie. Eine Art moderner Karneval. Für Menschen, die klare Verhältnisse lieben, eine Provokation. Und natürlich auch für die Obrigkeit. So gibt es immer wieder putzige Versuche, das ausgelassene Treiben in geordnete Bahnen zu lenken. Da werden die Fans bierernst belehrt, dass Autokorsos normalerweise anmeldepflichtig sind, dass Hupkonzerte eigentlich illegal sind und die Fahnen nicht weiter als 40 Zentimeter aus dem Autofenster gehalten werden dürfen.
„Zum Glück“, sagt Soziologe Fuhr, „reagiert die Polizei meist mit sehr viel Augenmaß und greift nur ein, wenn es wirklich gefährlich wird.“ Was sollten die Beamten sonst auch ausrichten gegen die hupende und feiernde Masse? „Uns gehört die Straße“, lautet die Botschaft der Autokorso-Teilnehmer. Übrigens ein typisches Fußball-Phänomen. Bei keiner anderen Sportart zeigen die Fans ein so ausgeprägtes Revierverhalten.
Die Fans, im alltäglichen Straßenverkehr sonst Einzelkämpfer, suchen das Gemeinschaftserlebnis. Wenn man erst mal im Korso mitrollt, gibt es keine sozialen Unterschiede mehr. Da zuckelt Porsche neben Opel, Rostlaube neben Luxusschlitten. Alles egal, solange nur die Hupe funktioniert. Schön laut.
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