Bildband von Ulf Geyersbach: Die Autos der Autoren
VON MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 11.03.2007 - 13:34Düsseldorf (RP). Auch wenn sie in ihren Werken den Fortschritt kritisierten dem Reiz der Automobile konnten Schriftsteller nicht widerstehen. Ein Bildband stellt 14 PS-Liebhaber vor.
So verrückt wie Vladimir Nabokov war wohl niemand anderer. Er hatte keinen Führerschein, liebte es aber, von seiner Frau durch die Lande kutschiert zu werden. Kreuz und quer durch den amerikanischen Kontinent, Mehr als 150.000 Meilen legten sie zurück, immer auf der Suche nach Schmetterlingen. Bei ihren Reisen verschliss die Familie einen Plymouth, ein Oldsmobile und zwei Buicks. Véra Nabokov war eine eigenwillige Fahrerin, er ein eigenwilliger Beifahrer. Ihre Wende- und Parkmanöver erregten Aufsehen. Er vertraute ihr nicht und konstruierte eine Apparatur, um zu kontrollieren, wie schnell sie fährt.
Nabokov liebte seine Automobile. Den Großteil seines Welterfolgs „Lolita” schrieb der Exil-Russe zurückgezogen auf der Rückbank eines Oldsmobiles. Und vielleicht wurde der Roman deshalb auch eine Hommage an das Rastlose, übernimmt das Auto eine Hauptrolle.
Literarische Veredlung
Nabokov war nicht allein mit seiner Leidenschaft. Der Autor Ulf Geyersbach hat für einen Bildband die Autogeschichten mehrerer Schriftsteller zusammengetragen. Diese halfen dabei, den Mythos Automobil zu schaffen, ließen es durch literarische Veredelung Wirklichkeit werden, schreibt Geyersbach. Schließlich gäbe es auch nicht das romantische Konzept der Liebe, wenn es die Dichter im Mittelalter nicht entwickelt und verbreitet hätten.
Die Welt ist für die motorisierten Autoren erfahrbar geworden, manchen geht die technische Entwicklung hingegen zu schnell. „Mein Organismus erlebt eine neue Dimension: die Dimension der Geschwindigkeit, in der Zeit und Raum einer veränderten Bestimmung unterliegen”, schrieb Walter Hasenclever 1927. Die zwölf Pferdestärken seines Tatra Typ 11 beschleunigten den Wagen auf 72 km/h Spitze.
Das Auto steigert den Wettbewerb unter den Literaten. Haste eins, biste was. Mit dem Automobil lässt sich der literarische und auch wirtschaftliche Erfolg am besten demonstrieren. „Das mindeste, was man von einem Groß-Schriftsteller verlangt, ist darum, dass er einen Kraftwagen besitzt”, sagte Robert Musil. Edgar Wallace, dessen Werke sich gut verkaufen, steigt in einen Rolls Royce, James Joyce kann sich hingegen gerade mal eine Fahrt im Taxi erlauben. Carl Zuckmayer leistete sich nach seinem Bühnen-Erfolg vom „Hauptmann von Köpenick” einen Ford.
Thomas Mann ein Spätberufener
Thomas Mann war ein Spätberufener unter den Autoren-Automobilisten. Erst im Alter von 50 Jahren kaufte er 1925 mit den Erlösen aus dem „Zauberberg” einen Wagen, für den sogar eigens eine Garage errichtet werden musste. Zum Fiat-509-Kabriolett kam 1929 nach dem Gewinn des Nobelpreises noch ein offener Buick und eine Horch-Limousine hinzu. Ebenso wie Nabokov ließ Thomas Mann fahren, er selbst saß nie hinterm Steuer. Und trotzdem missbilligte er in hohen Jahren den zunehmenden Verkehr, echauffierte sich über die „kleinbürgerliche Beförderung”.
Mit der Leidenschaft zur Blechkarosse auf vier Rädern widersprechen einige Schriftsteller ihrer Weltanschauung, die sie in ihren Werken darlegen. Hermann Hesse zum Beispiel genießt die Fahrt im offenen Tourenwagen, Harry Haller, der Held im „Steppenwolf”, bläst zur Hochjagd auf Automobile. Bertold Brecht war Kommunist und sich nicht zu schade, das PR-Gedicht „Singende Steyrwägen” zu verfassen. Der Lohn: ein Sechs-Zylinder-Flachkühler aus österreichischer Produktion. Den wickelt er 1929 auf einer Landstraße um einen Baum. Brecht bricht sich die Kniescheibe und verkauft seine Unfall-Geschichte an die Zeitschrift Uhu. Steyr liefert das nächste Mobil. Gratis, versteht sich.
In ihrer Liebe zum Auto und mit ihrer Faszination sind Schriftsteller weniger brillante Genies als normale Menschen. „Autofahren ist genauso ein Talent wie beispielsweise Dichten”, glaubte Walter Hasenclever. Wie tröstlich.
Info: „Und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft. Schriftsteller und ihre Automobile”, Ulf Geyersbach, 128 Seiten mit 50 Abbildungen, Nicolai-Verlag, 29,90 Euro.
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