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Tempo-Kleinlaster: Die Legende auf drei Rädern wird 80

zuletzt aktualisiert: 29.09.2008 - 11:12

Hamburg (RPO). Der Name Tempo steht nicht nur für ein Taschentuch, sondern auch für ein legendäres, deutsches Fahrzeug auf drei Rädern. In diesem Jahr feiert der Kleinlaster seinen 80. Geburtstag. Viele Nachkriegs-Erinnerungen verbinden sich mit ihm. 

Die Erinnerung an die Tempo-Kleintransporter ist meist nur noch sehr blass. Schließlich ist es schon gut 50 Jahre her, seit die letzten Tempos die Werkshallen im Süden Hamburgs verließen. Drei Räder für ein ganzes Auto - das war schon immer eine etwas eigenartige Sache. Auch als die Geschichte der Marke Tempo vor 80 Jahren begann, ruhten die Karosserien der "echten" Autos wie selbstverständlich auf vier Felgen samt Reifen.

Dass man bei den Tempos ein Rad wegließ, hatte aber einen triftigen Grund: Als die Firma Vidal & Sohn sich ans Werk machte, hatte der Gesetzgeber gerade beschlossen, dass für Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und Motoren mit weniger als 200 Kubikzentimetern Hubraum eine Sonderregelung gelten sollte. Und die besagte, dass dafür keine Steuern zu zahlen waren und der Fahrer nicht einmal einen Führerschein brauchte.

Findige Geschäftsleute

Für findige Geschäftsleute mit einem Hang zum Fahrzeugbau tat sich dadurch eine neue Einnahme-Möglichkeit auf. Das stellte auch der ehemalige Kohlehändler Max Vidal fest: 1928 übernahm er gemeinsam mit seinem Sohn Oscar den Alleinvertrieb für die Dreiräder der Marke "Tempo Eilwagen" aus Hamburg. Tempo war damals aber kein großes und eingeführtes Unternehmen, sondern den Überlieferungen zufolge eher eine kleine Klitsche, die mehr schlecht als recht über die Runden kam und Fahrzeuge in sehr überschaubarer Größenordnung zusammenbastelte.

Was unter dem Namen Tempo zunächst auf die Straßen rollte, war Meilen entfernt von heutigen Vorstellungen von einem Auto. Am besten lassen sich Fahrzeuge wie das T6 genannte Modell vorstellen, wenn man im Geiste die hintere Hälfte eines Motorrades nimmt und daran vorne einen Anhänger montiert: Der Fahrer saß quasi auf einem Sattel über dem Hinterrad, während sich vor ihm die Ladefläche ausbreitete, die auf einer Achse mit zwei Rädern rollte. Das sah ziemlich abenteuerlich aus und fuhr sich auch so. Gerade die kleinen Krämer und Händler, die zuvor mit Pferdekutschen unterwegs waren, bedeutete so ein Gefährt aber einen großen Schritt nach vorn.

Prinzip umgedreht

Ihrem später typischen und berühmten Erscheinungsbild näherten sich die Tempo-Fahrzeuge dann 1933. In diesem Jahr präsentierte das Unternehmen das Modell Front 6 - und dachte bei der Verwendung des Begriffs "Front" beileibe nicht an etwaige Kriegseinsätze. Hinter dem neu konstruierten Fahrzeug verbarg sich vielmehr eine ebenso einfache wie geniale Idee: Im Grunde wurde nichts anderes gemacht, als das bisherige Prinzip einmal umzudrehen.

Bildete bislang der Teil des Gefährts, an dem nur ein Rad rollte, das Heck, sah es nun genau entgegengesetzt aus: Das Einzelrad rollte vorne, die Achse mit den beiden Rädern bildete das Heck. Der Fahrer blieb fast an seinem Platz und musste sich nur umdrehen.

Dazu kamen weitere wichtige Neuerungen. So wurde nun das Vorderrad selbst angetrieben - von einem Motor, der quasi an der Befestigung des Rades hing und wegen der notwendigen Lenkbarkeit dieses Rades auch beweglich aufgehängt wurde. Dahinter nahm der Fahrer Platz und brauchte nicht einmal mehr regenfeste Kleidung mitzuführen. Denn als Schutz vor Wind und Wetter gab es nun eine Kabine. Die Ladung hatte dahinter auf der Ladefläche oberhalb der Achse reichlich Platz.

Unterschiedlichste Pritschen

Was zunächst wie eine notdürftig gezimmerte Behelfskonstruktion wirken mag, wurde zu einem Erfolgsmodell. Denn der simple Aufbau des Gefährts hatte einen unschlagbaren Vorteil: Weil sich zwischen Vorderrad und Hinterachse im Grunde nur ein stabiles Rahmenrohr befand, konnte darauf in Sachen Aufbau fast alles verwirklicht werden, was die Kundschaft wünschte. Bilder und Prospekte zeigen die dreirädrigen Tempo-Laster mit unterschiedlichsten Pritschen oder diversen kleinen und größeren Kastenaufbauten. Dem Front 6 folgten weitere Modelle wie der D 200 mit seinen 6 oder der D 400 mit kräftigen 12 zweitaktenden PS - genügend Kraft, um bis zu 750 Kilo Nutzlast zu transportieren.

Der Erfolg führte dazu, dass nach wenigen Jahren die Werkshalle zu eng wurde und man auf ein größeres Gelände in Hamburg-Harburg umzog. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen schon eine bei der Konkurrenz seit geraumer Zeit gängige Idee übernommen und sich an eine Neukonstruktion gemacht: Mit dem V 600 gab es nun erstmals einen Tempo mit sage und schreibe vier Rädern. Und aus der überschaubaren Schrauberei war längst eine Serienproduktion in größerem Rahmen geworden: Im Jahr 1935 wurde das 10.000. gebaute Fahrzeug gefeiert.

Fahrerkabinen aus Metall

Bis zur nächsten nennenswerten Schwelle verging noch wesentlich weniger Zeit. Tempo Nummer 25.000 wurde im Jahr 1937 montiert. Bis dahin hatte es wieder einige Neuerungen gegeben: Die Aufbauten entstanden nicht mehr nur aus Holz und Kunstleder, man verbaute auch Fahrerkabinen aus Metall.

Der Zweite Weltkrieg ging auch an Tempo nicht spurlos vorbei. Trotzdem schien es nach Kriegsende so, als könne man an die Erfolgsgeschichte anknüpfen. Die Produktion lief wieder an, mit dem Hanseat erschien 1948 eine nochmals überarbeitete Version des Dreirad-Prinzips, ein weiteres neues Modell hieß Boy.

In den 50er Jahren zeigte sich aber, dass das wirtschaftwundernde Deutschland mehr wollte, vor allem vier Räder. Nachdem die Produktion des Vierradmodells A 600 schon vor dem Krieg eingestellt worden war - die Regierung hatte Tempo laut dem Portal www.tempo-dienst.de als Hersteller von Dreiradfahrzeugen deklariert - wurde nun die alte Idee in die neue Zeit übersetzt. Ergebnis war zunächst das Modell Matador, in den ein VW-Motor für den Antrieb sorgte. Später folgte der Wiking. Doch die Zeit der Dreiräder war in Deutschland vorüber - nach mehr als 100.000 Exemplaren endete die Produktion 1955.

An Hanomag verkauft

Auch für die Marke Tempo an sich sollte bald das letzte Kapitel aufgeschlagen werden: Der kleine Hersteller sah sich immer stärker werdender Konkurrenz der Konzerne gegenüber. Schon 1955 wurden daher 50 Prozent der Anteile an die Marke Hanomag verkauft. Die andere Hälfte ging 1965 an das nun unter Rheinstahl-Hanomag firmierende Unternehmen. Daraus wurde später Hanomag-Henschel - und diese Marke ging 1974 in Mercedes-Benz auf. Das Prinzip des Dreirads sollte aber noch eine ganze Weile überleben - weit, weit weg: Die Pläne und Produktionsanlagen waren nach Einstellung der Produktion nach Indien verkauft worden, wo bis zum Jahr 2000 erfolgreich weiterproduziert wurde.

Das Museum der Arbeit in Hamburg zeigt vom 10. Oktober 2008 bis zum 12. April 2009 die Ausstellung "Tempo - Auf 3 Rädern durch die Stadt". Informationen zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen finden sich im Internet unter www.museum-der-arbeit.de.

Quelle: tmn

 
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