Umweltgerechte Entsorgung: Die letzte Fahrt: Schrotthandel heute
VON ALF BECK - zuletzt aktualisiert: 18.08.2007 - 16:09Düsseldorf (RP). Ausgeschlachtet bis auf die Karosserie - das passiert allen Autos, wenn sie ihre Straßen-Karriere hinter sich haben. Die letzte Fahrt endet beim Verwerter.
Rücknahmestelle für Altfahrzeuge das klingt so langweilig wie die gleichnamige Altfahrzeugverordnung. Ist es auch: Der Begriff des Schrotthändlers ist schon lange aus der Welt, dieser Berufszweig nennt sich jetzt „Verwerter”. Oder, noch ein bisschen geschraubter: „Kooperationspartner für die umweltgerechte Verwertung und Entsorgung von Altfahrzeugen”.
Inhaltlich hat sich eigentlich nichts geändert, möchte man glauben: Da werden Unfallautos oder alte Schätzchen, die den nächsten TÜV-Termin nicht überstehen, von allen werthaltigen Teilen entfernt und dem Schredder zum Fraßvorgeworfen. Stimmt aber nicht ganz.
Umweltgerecht zerlegt
Der Schrotthändler im 21. Jahrhundert wird mehr und mehr zum Vollstrecker steigenden Umwelt-Bewusstseins: „Es dauert etwa drei Stunden, dann haben wir bei einem Auto die Scheiben demontiert, falls vorhanden die Airbags ausgebaut und sämtliche Flüssigkeiten abgelassen”, erklärt ein Verwerter, „dazu kommen Schalttafeln, Batterien und Stoßfänger. Natürlich werden bei gängigen Modellen alle gut erhaltenen Ersatzteile demontiert und auf Lager gelegt davon leben wir.”
Dass er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen mag, auch dafür nennt der Händler gute Gründe: „Wenn es nach dem Gesetz ginge, müsste für jedes Altauto auch ein Verwertungsnachweis ausgestellt werden. Aber die zuständigen Behörden kümmern sich herzlich wenig um diese Vorschrift.”
Wilde Schrottsammler
Und deshalb, so behauptet er, „gibt es jede Menge Sozialhilfeempfänger oder Hartz-IV-Bezieher, die als Nebenberuf das Verschrotten im Kleinen ausüben. Woher er das weiß? „Im Gegensatz zu früher hat sich die Zahl der entsorgten Autos halbiert.” Die Differenz erledigen „wilde Schrottsammler”, die Privatleute beschwatzen und „alte Möhren” sofort mitnehmen. Das bringt unter Brüdern etwa 60 Euro für den Katalysator, mindestens nochmal diese Summe für den Schrottwert: „Und das Rest-Benzin saugen sie auch noch aus dem Tank.” Ob der Wagen tatsächlich abgemeldet , ob er bis zum TÜV-Ablauf noch gefahren wird das kann keiner kontrollieren.
Das ist kriminell? Natürlich, aber nur die Spitze des Eisberges. Weil niemand weiß, wie viele gestohlene Autos die ausgeschweißte Fahrgestell-Nummer eines Unfallwagens implantiert bekommen schließlich hat eine Behörde kein mobiles Röntgengerät, mit dem solche Manipulationen beweisbar wären.
Abschied von der Romantik
Wo angesichts solch krimineller Energie die Romantik bleibt? Der Abschied von einem rollenden Gefährten, der die Familie über Jahre in den Urlaub transportiert hat? Und der werktäglich klaglos die Strecke zwischen Heim und Arbeitsplatz absolvierte?
„Natürlich hat es hier schon jede Menge Tränen gegeben”, bestätigt der Verwerter aus seiner zehnjährigen Erinnerung und deutet auf das Lenkrad eines Ford Fiesta, Baujahr 1993: „Das wird sich die Besitzerin in den nächsten zwei Tagen abholen. Als Erinnerung, zusammen mit den entwerteten Kennzeichen.”
Der Innenspiegel des Fiesta liegt inzwischen bereits beschriftet auf Lager, kann für fünf Euro vom Nächsten mitgenommen werden, der ihn gerade braucht. Den Aschenbecher, augenscheinlich ein Autoleben lang unbenutzt, geht für zwei Euro über die Theke. Bei Motoren und Getrieben werden die Preise dreistellig aber auch dafür gibt es immer wieder Kunden, deren eigenes Triebwerk den Geist aufgegeben hat.
Blick in den Kofferraum
Wird ein Alt-Fahrzeug angeliefert, ist der Blick in den Kofferraum mittlerweile obligatorisch: „Es gibt immer wieder Neunmalkluge, die dabei gleich noch eine Menge Restmüll loswerden wollen”, weiß der Fachmann, „aber die müssen sofort wieder umkehren.” Wie dicht der Handel mit entsorgten Autos am Marktgeschehen liegt, zeigen die Preise, die für eine Verwertung bezahlt werden müssen oder nicht. Längst vorbei sind die Goldenen Zeiten, in denen der Halter mit einem oder zwei „Blauen” (so nannte man die Hundertmarkscheine) nach Hause ging.
Dann gab es eine Zeit, in der Schrott überhaupt nicht nachgefragt wurde: Da kostete die Ablieferung der alten Kiste etwa so viel, wie es früher dafür gegeben hatte. Wer sich jetzt von seinem motorisierten Methusalem trennen will (oder muss), kann ein Dankeschön auf Chinesisch hinzufügen: Weil im Reich der Mitte dringend Stahl benötigt wird, weil sein Preis sich längst erholt hat, wird das marode Mobil mittlerweile zum Nulltarif entsorgt: „Bei jüngeren Unfallfahrzeugen zahlen wir aber auch”, bestätigt ein Düsseldorfer Entsorger.
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