Lifestyle bei Saab und Volvo: Die schönsten Schweden-Kombis
VON WOLFRAM NICKEL, SP-X - zuletzt aktualisiert: 06.09.2010 - 07:39Düsseldorf (RPO). In den USA oder Europa verkauften sich schicke Lifestyle-Fünftürer aus Schweden oft besser als die entsprechenden Limousinen. Volvo und Saab stellten mit ihren Kombis nicht nur Autos her. Sie vermittelten ein Lebensgefühl.
Mittlerweile steuern die nordischen Marken Saab und Volvo unter den neuen Unternehmensherren aus Holland (Spyker) und China (Geely) in eine ungewisse Zukunft. Doch der Volvo V60 und der künftige Saab 9-5 SportCombi zeigen die Besinnung auf alte Erfolgsstrategien. Ganz so wie vor einem halben Jahrhundert, als die ersten modernen Schwedenkombis Saab 95 und Volvo Amazon aus bis dahin nüchternen Transportern fünftürige Familienfahrzeuge formten.
Fortan sorgten kantige, komfortable Kästen wie die unzerstörbaren Volvo 145 und 245, schnelle Turbos in schicken Saab Combi Coupés und extravagante Sportkombis wie der Volvo 1800 ES für immer mehr Lust am Laster und eroberten neue Märkte für die nordischen Marken.
Alles begann im Lager von Volvo
Angefangen hatte alles mit einem Lagerbestand an 1500 Fahrgestellen, die sich im Frühjahr 1952 bei Volvo angesammelt hatten. Assar Gabrielsson, einer der Unternehmensgründer, forderte deshalb: „Wir müssen die irgendwie loswerden. Wir müssen einfach unseren eigenen Transporter bauen“. Unter der Bezeichnung Duett (PV445) rollte Volvos erster Kombi bereits am 4. Juli 1953 vom Band.
Der erste Schritt in Richtung fünftürige Limousine erfolgte dann vor 50 Jahren. Saab führte zum Modelljahr 1960 den leicht exaltiert gezeichneten Familienkombi der Modellreihe 95 ein und kämpfte schon bald mit langen Lieferzeiten für den kompakten Dreizylinder-Zweitakter.
Derweil versuchte Volvo, die Eleganz der Amazon-Limousine mit dem Nutzwert eines Lasters zu kombinieren. Nach zweijähriger Entwicklungszeit war es soweit: Auf dem Automobilsalon Stockholm debütierte 1962 der Amazon Kombi unter dem Namen Volvo P220. Bis zur B-Säule war der Fünftürer mit der Mittelklasse-Limousine identisch, dann folgten dezent integrierte Dachverstärkungen und eine vergleichsweise riesige Ladefläche – dies aber bei fast unveränderten äußeren Abmessungen und limousinenähnlicher Silhouette.
Kombi total
Bereits wenige Jahre später herrschte in Schweden Kombi total. Mit Einführung des Modells 145 hatte Volvo ab 1967 drei Heckklappen-Baureihen vergleichbarer Größe parallel im Programm, dazu lief die Entwicklung von spekakulären Shooting-Brake-Prototypen als Vorläufer des Sportkombis 1800 ES auf Hochtouren.
Saab setzte derweil auf die Weiterentwicklung des Zweitakt-Modells 95, das ab 1966 optional von einem aus dem Ford Taunus 15 M adaptierten 1,5-Liter-V4-Motor angetrieben wurde. Zugleich setzten die Techniker aus Trollhättan auf das 1968 eingeführte Flaggschiff 99, das bald danach zu einer Fließheckversion mit Kombicharakter weiterentwickelt wurde.
Weltpremiere feierte das Saab 99 Combi Coupé allerdings erst auf der IAA 1973. Im Unterschied zu den auch in Nordamerika populären Hatchbacks bot der schicke Schrägheck-Saab erstmals eine Ladekante auf Stoßstangenhöhe, ganz so wie klassische Kombis.
Heckklappen eröffneten US-Markt
Mit praktischen Heckklappen statt umständlich aufschwenkender amerikanischer Tailgates und skandinavisch-sportivem Schick eroberten die schwedischen Familientransporter spätestens ab 1970 auch die USA, den damals größten Kombimarkt der Welt. Beste Voraussetzungen, um mit kleinen Vierzylindern gegen die riesigen V8-Motoren in den amerikanischen Fullsize-Cruisers und Estates zu bestehen.
Einen Sechszylinder gab es im Volvo-Kombi erst 1975, passend zum Ende der ersten Ölkrise. Das neue Familienflaggschiff Volvo 265 mit 2,7-Liter-V6 basierte auf dem Vierzylinder-Typ 240. Aber sogar in den USA, dem für Volvo mittlerweile wichtigsten Markt, konnte der luxuriöse Sechszylinder nur Achtungserfolge verbuchen.
Auch beim 1985 eingeführten Volvo 740/760 und den 1990 präsentierten Weiterentwicklungen 940/960 spielten die Sechszylinder nur eine unbedeutende Nebenrolle. Dafür verstand sich Volvo mittlerweile selbst als Synonym für Kombi und konzipierte deshalb bereits bei der Entwicklung der 700er-Reihe zunächst den Kombi und erst anschließend die Limousine.
Kombi schieb Rennsportgeschichte
Mit dem 1993 vorgestellten 850 Kombi schrieb Volvo dann sogar Motorsportgeschichte: Als erster Kombi überhaupt startete der bis zu 221 kW/300 PS starke Wettbewerbs-850 bei Rundstreckenrennen und belegte bei der British Touring Car Championship vordere Plätze.
In den Zulassungsstatistiken fuhren derweil die zivilen 850 Kombis als erste große Volvo mit Frontantrieb und quer eingebautem Fünfzylinder Erfolge ein - nachdem das Unternehmen 1990 erstmals tief in die roten Zahlen gerutscht war. Saab setzte in jenen Jahren ganz auf starke Turbomotoren als Imageträger und lancierte 1978 den Saab 900 als Weiterentwicklung des 99 Combi-Coupé.
Ein neuer Kombi ging bei Saab erst 20 Jahre später mit dem 9-5 in Großserie und erreichte in der Volumenaufteilung der Baureihe zur Jahrtausendwende fast 75 Prozent Anteil gegenüber der Limousine. Dies aber zu einem Zeitpunkt, als Analysten über den wichtigsten Markt der Schweden konstatierten: „In Amerika ist der klassische Kombi mausetot“. Nach den Vans galten nun große SUVs in den USA als trendige Familien- und Freizeitfahrzeuge.
SUV-Trend überraschte Saab
Saab war bereits 1990 eine Partnerschaft mit GM eingegangen, war gerade komplett übernommen worden und längst in die Produktstrategie des amerikanischen Mutterkonzerns integriert. Mit GM-Derivaten wie dem 9-7X reagierte Saab eher hilflos auf die neue SUV-Mode. Volvo wiederum war erst seit 1999 Bestandteil des amerikanischen Ford-Imperiums.
Anders als Saab hatte sich Volvo allerdings auf den SUV-Trend vorbereitet: Die Crossover-Kombimodelle Cross Country und XC70 von 1997 waren die Vorhut für die ersten echten schwedischen SUV-Modelle XC90 und XC60, mit denen Volvo die passende Antwort auf den neuen automobilen Trend fand.
Nur in Europa erlebte der Kombi auch im 21. Jahrhundert eine Traumkarriere, schicke Lifestylefünftürer verkaufen sich hier oft besser als die entsprechenden Limousinen. Entsprechend groß sind die Erwartungen, die Volvo und Saab mit ihren künftigen, speziell für die alte Welt entwickelten Kombis der Baureihen V60 und 9-5 verbinden.
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