Unterwegs mit dem S 63 AMG: Eine wilde Fahrt im neuen Renn-Mercedes
VON THORSTEN BREITKOPF - zuletzt aktualisiert: 26.07.2010 - 07:36Stuttgart (RP). Eine S-Klasse mit Fahrleistungen wie ein Porsche 911 – das ist der neue Renn-Mercedes S 63 von AMG. Kurioserweise wirbt Daimler ausgerechnet mit der Umweltfreundlichkeit des 571-PS-Wagens. Wir haben die neue Luxus-Rakete gefahren.
Drei unauffällige Buchstaben lassen aus jedem biederen Benz einen Boliden werden: AMG. Die Lettern setzen sich aus den Nachnamen der Gründer Hans-Werner Aufrecht und Erhard Melcher und ihrem Firmensitz im schwäbischen Burgstall zusammen.
Autobahnkurven werden eng
Hinter den Lettern stecken eine Menge Hochleistungszahlen, die das Herz jedes Hobby-Schumis höher schlagen lassen. Satte 571 PS machen den AMG mit dem „Performance Package“ zur Rakete. In nur 4,4 Sekunden beschleunigt das Geschoss auf 100 km/h. Wenige Augenblicke später regelt der Motor automatisch ab – bei unglaublichen 300 Stundenkilometern. Da können auch Autobahnkurven sehr eng werden. Technisch wäre auch Tempo 330 kein Problem.
Doch die Renn-Ingenieure brüsten sich diesmal nicht mit den Kraftmerkmalen der Luxuslimousine. Sie stellen den Umweltschutz in den Vordergrund. Ein kleines Knöpfchen versetzt den S 63 in einen sparsamen „Eco-Modus“. Damit soll der Wagen nur moderate 10,5 Liter Sprit auf 100 Kilometern schlucken, 25 Prozent weniger als sein Vorgänger, verspricht AMG. Dabei hilft eine Start-Stopp-Automatik, die den Motor an der Ampel ausschaltet. Außerdem fährt der Wagen im zweiten Gang an, um den Verbrauch zu senken.
Doch mal ehrlich: Wer kauft sich für 153.000 Euro, immerhin der Preis eines Reihenhauses, einen 571-PS-Wagen und fährt dann im Sparmodus über die Autobahn? Technisch mag der S 63 AMG ja mit knapp elf Litern auskommen. Der Fahrer will es wahrscheinlich gar nicht.
Wie ein startender Eurofighter
Muss er auch nicht: Ein Druck auf den gleichen Schalter, und die S-Klasse fährt im Sport-Modus. Ein beherzter Tritt auf das Gaspedal presst den Fahrer tief in den Sitz. Der mehr als zwei Tonnen schwere Wagen spurtet nach vorn wie ein startender Eurofighter. Nur eben nicht so brachial. Dutzende unsichtbare elektronische Helfer sorgen dafür, dass auch beim Kickdown kein Rad durchdreht. Und die Traktoren, die wir bei der Testfahrt auf der Schwäbischen Alb überholen, werden erstaunlich schnell klein beim Blick in den Rückspiegel.
Dass sich der Wagen im Kanzler-Format auch in einer Sportversion nicht wie ein Kart durch enge Kurven zirkeln lässt, ist klar. Eine S-Klasse bleibt immer eine schwere Luxuslimousine. Doch für seine Größe und sein Gewicht ist der S 63 auf Landstraßen erstaunlich wendig.
Neben der Ökologie will sich AMG durch den Schwerpunkt Sicherheit von anderen Tunern abheben. So zeigt ein kleines rotes Warndreieck im Außenspiegel, wenn sich ein Wagen im toten Winkel nähert. Damit nicht genug: Zieht der Fahrer dennoch auf die Nachbarspur, bremsen zwei Räder wie von Geisterhand ab und zerren den Wagen zurück auf die richtige Fahrbahn. Streifen die Räder eine gestrichelte Linie auf der Straße, wird der Fahrer durch Vibration im Lenkrad ermahnt, seinen Kurs zu halten. Die Technik ist so schlau, dass sie sogar gestrichelte von durchgezogenen Linien unterscheidet.
Der Benz bremst selbst
Im Falle einer Vollbremsung heben sich die Sitze der Fondspassagiere leicht an, damit sie nicht unter dem Gurt hindurchrutschen. Bei nahenden Hindernissen ertönt obendrein ein Warnsignal – bremst der Fahrer nicht, übernimmt der Benz das selbst.
„Denkende Partner“ nennt Daimler seine Assistenzsysteme, und die AMG-Ingenieure betonen, dass im Zweifel der Fahrer Chef im Cockpit sei. Doch so ganz glauben kann man das nicht. Die Elektro-Assistenten vermitteln den Eindruck, der Wagen könne im Zweifel auch allein nach Hause fahren – und das sicherer als sein Besitzer.
Angetrieben wird der neue AMG von einem Acht-Zylinder-Biturbo-Motor. Das Aggregat hat mit 5,5 Litern deutlich weniger Hubraum als sein Vorgänger mit 6,3 Litern, dennoch leistet es mehr. Der Innenraum ist auf höchstem Niveau. Die getestete Version hat ein mit Alcantara bezogenes Lenkrad.
Konzertsaal-Klangqualität
Wem der satte Klang des kraftvollen Motors nicht reicht, kann auf eine Sound-Anlage des Edelherstellers Bang & Olufsen zurückgreifen. Damit verwandelt sich der Innenraum der S-Klasse in einen Konzertsaal – die Raumwirkung ist genauso bemerkenswert wie der Preis. Rund 7000 Euro kostet das HiFi-System.
Der S 63 AMG, der im September in den Handel kommt, ist kein Fahrzeug, um einfach von A nach B zu kommen. Er ist ein Wagen, den niemand wirklich braucht. Ein Spielzeug für Best-Verdiener. Aber eines, das unglaublich viel Spaß macht. Dass der Bolide auf Öko macht, ist bizarr, aber den Tunern zumindest als gute Absicht zu honorieren.
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