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Stahl erschwert Notfallrettung: Eingeklemmt im Panzerkäfig

zuletzt aktualisiert: 01.12.2007 - 16:23

Berlin/München (RPO). Harter Stahl soll in modernen Autos die Karosserie bei einem Aufprall verstärken. Dass damit zugleich die Arbeit von Rettungskräften und Feuerwehr bei einem Unfall erschwert wird, ist den meisten kaum bewusst.

Bei einem Zusammenprall oder Überschlag bleibt den Insassen dank der neuen Materialien eine möglichst stabile Sicherheitszelle. Allerdings ist die Karosserie derart hart, dass sie mit herkömmlichem Rettungsgerät unter Umständen nicht mehr durchtrennt werden kann, um eingeklemmte Personen zu befreien.

"Wir hinken der Entwicklung etwas hinterher", räumt Frank-Michael Fischer ein, Leiter des Fachbereichs Technik beim Deutschen Feuerwehrverband (DFV) in Berlin. Ältere Rettungsgeräte könnten bei modernen Fahrzeugen durchaus an ihre Leistungsgrenzen geraten.

Die hochfesten Stähle seien im Hinblick auf eine reibungslose Notfallrettung "ein Riesenproblem", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer in München. Er verweist insbesondere auf verstärkte A- und B-Säulen sowie die in diesen Bereichen zusätzlich integrierten Airbags, die beim Durchtrennen hochgehen und Rettungskräfte wie Unfallopfer gefährden können. Die Retter bräuchten daher Informationen, wo sie an modernen Autos ihr Rettungsgerät ohne Gefahr ansetzen können.

Leitfaden für Rettungsdienste

Aus diesem Grund veröffentlicht beispielsweise Mercedes einen "Leitfaden für Rettungsdienste". Darin wird erklärt, in welchen Baureihen und an welchen Stellen der Karosserie hochfeste Stähle verbaut sind - etwa im Bereich der A-Säulen, des Dachrahmens, der Türscharniere oder Türen. Weil sich diese Bauteile nicht mit hydraulischem Schneidgerät durchtrennen lassen, gibt der Leitfaden Empfehlungen, wo Rettungsschere und Spreizer stattdessen angesetzt werden können, um eine Tür zu entfernen oder das Dach abzunehmen.

"Wir entwickeln den Leitfaden zusammen mit unserer Werksfeuerwehr und der Berufsfeuerwehr Stuttgart", sagt Mercedes-Sprecher Gerd Eßer. Dadurch würden Erfahrungen aus der Einsatzpraxis berücksichtigt. Damit alle übrigen Feuerwehren die Informationen schnell abrufen können, steht der Leitfaden zum Download im Internet. Der Hersteller aktualisiert ihn laut Eßer immer dann, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt oder sich wesentliche Konstruktionsmerkmale ändern.

Zwar haben auch andere Hersteller - etwa BMW und Audi - ähnlich umfangreiche Leitfäden erarbeitet. Die Verkehrssicherheitsexperten vom ADAC stellt das dennoch nicht zufrieden. "Die Informationen stehen meist dann nicht zur Verfügung, wenn man sie braucht", sagt ADAC-Sprecher Maurer. Neben der Standardisierung der Leitfäden fordert der Club eine zentrale Stelle, wo Rettungskräfte die Informationen aller Hersteller abrufen können.

Sehr aufwändige Recherche

Derzeit liegt es in der Verantwortung der Rettungsleitstellen oder der einzelnen Feuerwehren, sich die aktuellen Informationen zu besorgen. Nach Angaben von DFV-Experte Fischer ist das bei der Vielzahl der Autohersteller und -modelle jedoch sehr aufwändig.

Fischer weist auf eine weitere Schwierigkeit hin: So könnten die Feuerwehren Leitfäden zwar auf dem Laptop mit zum Einsatzort nehmen. Ist ein Unfallfahrzeug aber stark deformiert, sei es oft schwierig, zu bestimmen, um welches Modell es sich handelt. Um der Feuerwehr in solchen Fällen die Arbeit zu erleichtern, werde zusammen mit dem ADAC überlegt, wie an Fahrzeugen sogenannte Sollschnittstellen einheitlich gekennzeichnet werden können. Das sind Punkte der Karosserie, an denen Rettungsgeräte ohne Bedenken angesetzt werden kann.

Wie ein solches "Rescue Label" aussehen könnte und an welchen Karosseriestellen es anzubringen ist, werde derzeit von der ADAC-Unfallforschung erarbeitet, sagt Wilfried Klanner vom Technikzentrum des Clubs in Landsberg (Bayern). Die Forscher wollen dabei auch herausfinden, wie gravierend das Problem durch hochfeste Stähle für Notfallretter tatsächlich ist. Dazu gebe es noch keine Zahlen.

"Es ist ein sehr vielschichtiges Problem", sagt Klanner. Viel hänge auch von der Ausrüstung der Feuerwehren ab. Darauf weist auch DFV-Experte Fischer hin: Viele Feuerwehren hätten inzwischen die Leistungsfähigkeit ihrer hydraulischen Rettungsgeräte erhöht. "Auch Technik und Einsatztaktik wurden verbessert." So gingen die Wehren mehr dazu über, eingeklemmte Personen durch Auseinanderdrücken von Karosserieteilen zu befreien. Auf Zerschneiden werde weitgehend verzichtet, weil dadurch auch tragende Strukturen zerstört werden könnten: Schlimmstenfalls bricht die gesamte Fahrzeugkarosserie in sich zusammen und quetscht die Eingeklemmten noch weiter ein.

Mit dem Trennschleifer

Irgendwie schafften es die Retter meistens, Eingeklemmte aus einem Wrack zu holen - zur Not dauere es etwas länger, sagt Fischer. "Wenn gar nichts mehr geht, nimmt man eben den Trennschleifer." Für die Unfallopfer ergeben sich laut Fischer in der Regel keine Nachteile, sollte die Bergung etwas länger dauern: "Verletzte werden sofort medizinisch versorgt." Noch bevor die eigentliche Bergung beginnt, kümmerten sich Rettungssanitäter und Notarzt im Fahrzeugwrack um sie.

Dass der technische Fortschritt bei der Fahrzeugkonstruktion den Insassen am Ende mehr schadet als nützt, diese Gefahr sieht auch ADAC-Experte Klanner nicht. "Die hochfesten Stähle darf man nicht verteufeln." Schließlich ergeben sich die Probleme bei der Rettung eingeklemmter Insassen erst bei einer Unfallschwere, bei der Insassen älterer Fahrzeuge ohne Strukturverstärkungen längst tot gewesen wären.

Quelle: gms2

 
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