Aufrufe in Facebook und Co.: Hilft Netz-Boykott gegen Sprit-Abzocke?
VON S. BROUWERS, S. TILLMANS UND M. KÜHNAPPEL - zuletzt aktualisiert: 29.04.2010 - 12:29Düsseldorf (RPO). Die Wut über die hohen Spritpreise sucht sich neue Kanäle. Dank der sozialen Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ schließen sich mittlerweile immer mehr Autofahrer in immer größeren Gruppen zusammen. Die Frage ist: Was können sie bewirken?
In Gruppen mit Namen wie „Wir tanken nicht bei Aral, Shell, Esso und Total“ (Facebook) oder „Benzinpreis - Wir wehren uns“ (StudiVZ) wird dazu aufgerufen, die großen Ölkonzerne zu boykottieren und solange Billigtankstellen anzufahren, bis die Multis ihre Preise senken.
Die Idee: Je mehr Autofahrer mitmachen, umso größer sei die Chance, den Ölkonzernen ernsthaft wehzutun. Hunderttausende sind den Gruppen mittlerweile zusammengeschlossen, aber selbst die Mitglieder glauben, dass es Millionen Autofahrer sein müssten, um Erfolg zu haben.
„Wir müssen aggressiv vorgehen und ihnen zeigen, dass die Konsumenten die Börse kontrollieren. Die einzige Chance, die Preise purzeln zu sehen, ist, die Ölgesellschaften da zu schlagen, wo es ihnen weh tut: Bei ihrem Portemonnaie!“, heißt es bei „Wir tanken nicht bei Aral, Shell, Esso und Total“ (über 140.000 Gruppen-Mitglieder).
Der Plan: „Ich sende eine Gruppeneinladung an etwa 50 Personen. Wenn es jede dieser Personen an 10 weitere schickt, erreichen wir schon 500. Diese 500 senden es an 5000 Leute. Die nächste Sendung wird fünf Millionen erreichen usw.“ Forciert durch Medienberichterstattung wachsen die Kampagnen in diesen Tagen tatsächlich fast wie ein Schneeball-System an.
Debatte über Erfolgsaussichten
In den Gruppen wird auch kontrovers über die Erfolgssaussichten des Boykotts diskutiert. Den meisten ist bewusst, dass der deutsche Staat aufgrund der Energiesteuern kräftig mitkassiert. Trotzdem lebt die Hoffnung, etwas bewegen zu können, „wenn wir zusammenhalten und dieses Medium (Internet) gut nutzen, können wir alles schaffen“, heißt es bei "Benzinpreis - Wir wehren uns" (über 275.000 Mitglieder).
Können die Benzinpreise wirklich so gesenkt werden?
Zunächst stellen sich etliche praktische Fragen: "Wie soll der Ansturm auf die Billigtankstellen bewältigt werden, zu dem es dann kommen?", sieht Allianz-Volkswirt Lorenz Weimann neben der Frage der Steuer hier den größten Haken. Wenn Autofahrer stundenlang für Sprit anstehen müssten, sei der Elan möglicherweise schnell wieder verflogen. Unter dem Strich schätzt Weimann die Idee als äußerst theoretisches Modell ein.
Ökonomisch tatsächlich sinnvoll
Aber sollten alle praktischen Hürden wie Einkauf und aus dem Weg geräumt werden, wäre das Modell aus ökonomischer Sicht tatsächlich sinnvoll. "Wenn sich das Kaufverhalten ganzer Gruppen über einen langen Zeitraum verschiebt, hätte das tatsächlich Auswirkungen auf den Preis. Er würde sinken", bestätigt der Allianz-Experte.
Ob das den Autofahrern ausreichend Mut macht? Noch scheint zwischen der Bereitschaft, sich einer virtuellen Gruppe anzuschließen und dem tatsächlichen Boykott eine weiter Weg zu liegen. Indirekt lässt sich das an einer Umfrage der Gruppe „Benzinpreis – wir wehren uns“ ablesen. Daran haben sich bislang rund erst 400 Mitglieder beteiligt.
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