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Experten streiten über Forderung: Macht Tempo 30 Autofahrer aggressiv?

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 20.03.2010 - 21:47

(RP). Der Vorstoß der SPD-Landtagsfraktion, in den NRW-Städten flächendeckend Tempo 30 einzurichten, hat bei Verkehrswissenschaftlern eine Kontroverse ausgelöst. Werden die Straßen sicherer? Oder steigt das Unfall-Risiko, weil das Limit die Autofahrer aggressiver macht?

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Professor Markus Friedrich leitet den Lehrstuhl für Verkehrsplanung am Institut für Straßen- und Verkehrswesen der Universität Stuttgart. Der Ingenieur spricht sich entschieden gegen die flächendeckende Einführung von Tempo 30 in den deutschen Innenstädten aus.

"Ein ausnahmsloses Limit konterkariert das Ziel, mehr Verkehrssicherheit zu schaffen", ist sich der Professor sicher. "Wenn überall das gleiche Tempo gilt, werden die Autofahrer den kürzesten Weg einschlagen. Dann droht die Gefahr, dass sich der Schwerverkehr nicht mehr auf den Hauptverkehrsachsen befindet, sondern sich den Weg durch die Wohngebiete bahnt."

Abkürzungsverkehr durch ruhige Wohngebiete

Die SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag hatte in dieser Woche die Forderung des Berliner Senats unterstützt, bundesweit in Städten Tempo 30 einzuführen. Auch Bernhard Steinauer, Direktor des Instituts für Straßenwesen an der Technischen Hochschule Aachen, warnt jedoch vor der Gefahr eines verstärkten Abkürzungsverkehrs durch bisher ruhige Wohngebiete.

"Ein generelles Tempolimit von 30 km/h macht Schleichwege noch attraktiver", sagt der Professor. Steinauer gibt zu bedenken, dass Tempo 30 den Verkehr auf deutlich weniger als 30 km/h abbremsen würde. "Bei dichtem Verkehr erreichen Fahrzeugkolonnen fast nie das erlaubte Tempo", verweist der Forscher auf seine Erfahrungen.

Belá Dören leitet das TTI Urban Network Institute, das unter anderem Projekte der Stadt- und Regionalplanung entwickelt. Der Professor war Baudezernent in Herford, als dort Mitte der 80er Jahre die ersten Tempo-30-Zonen in NRW ausgewiesen wurden – ein Pionier, der stolz auf die rückläufigen Unfallzahlen nach der Einführung der Begrenzung verweist.

"Schon damals hätte man ein flächendeckendes Limit in den Städten einführen sollen", meint Dören. "Dann hätten sich die Kommunen viel Geld für Poller und verkehrsberuhigende Maßnahmen sparen können."

Dören verweist auf den Bericht des Sachverständigenrats für Umweltfragen, der sich auch mit der Verkehrssicherheit im innerörtlichen Bereich beschäftigt. Danach ereignen sich 64 Prozent aller Unfälle, bei denen Personen verletzt werden, innerorts. Bei einer Ausweitung des Tempolimits von 30 km/h könnte die Zahl der Unfälle mit schwer verletzten und getöteten Personen bundesweit um etwa 21 000 pro Jahr vermindert werden. Eine Erhebung in Münster ergab, dass die Zahl der Unfälle nach Aufstellung der Tempo-30-Schilder um 70 Prozent zurückgegangen ist.

Ausstoß giftiger Abgase nimmt zu

Der Boom der Tempo-30-Zonen sei eine Auswirkung der Ökologisierung der Gesellschaft in den 80er Jahren gewesen, erklärt Belá Dören. In Herford wurde die Planung gegen heftige Widerstände durch eine knappe rot-grüne Ratsmehrheit durchgesetzt. "Die Debatte ist bis heute ideologisch aufgeladen", sagt der Aachener Forscher Bernhard Steinauer. Aus wissenschaftlicher Sicht sei eine Ausweitung der Zonen nicht nachvollziehbar. Der Ausstoß giftiger Abgase nehme bei geringerem Tempo, aber höheren Drehzahlen, nicht ab, sondern zu.

Experten schätzen, dass schon jetzt 80 Prozent aller Wohngebiete in NRW als Tempo-30-Zonen aus gewiesen sind. "In Bereichen, in denen Kinder spielen, wird die Begrenzung allgemein akzeptiert", sagt die Düsseldorfer Verkehrspsychologin Petra Thomann. Eine Ausdehnung auf die Hauptstraßen würden die meisten Autofahrer wohl als "Gängelei" auffassen. "Das würde Aggressionen auslösen", so Thomann. Und so dazu beitragen, dass das Unfallrisiko steigt.

Quelle: RP

 
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