Zweite Generation: Merkel und der Biosprit von morgen
zuletzt aktualisiert: 18.04.2008 - 11:42Freiberg (RPO). Um das Klima zu schützen, tanken viele Biosprit. Doch die Verfeuerung von Pflanzen steigert die Lebensmittelpreise und ist mitverantwortlich für die Hungerkrisen. Bundeskanzlerin Merkel hat eine Anlage zur Herstellung von Biosprit der zweiten Generation besucht.
Nur zögerlich riecht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an dem Probenglas mit Biosprit. Ihrem Gesichtsausdruck zufolge überzeugt sie der ökologische Treibstoff der zweiten Generation offenbar nicht durch seinen Geruch. Dagegen greift die promovierte Physikerin interessiert in eine Schale mit zwei Holzschnitzeln, die den Ausgangsstoff für den Treibstoff der Zukunft bilden. In den silbrig glänzenden Anlagen von Choren Industries im sächsischen Freiberg informiert Firmenschef Tom Blades die Kanzlerin am Donnerstag über Herstellung und Potenzial des neuartigen Kraftstoffes, der einmal die Abhängigkeit vom Erdöl reduzieren helfen soll.
Die Firma Choren gilt als führend auf dem Gebiet der sogenannten Biomass-to-Liquid-Kraftstoffe (BTL), was soviel wie verflüssigte Biomasse bedeutet, und lässt sich bei ihren Ideen offenbar nur ungern über die Schulter blicken - es sei denn, die mächtigste Frau Deutschlands und wichtige Geschäftspartner schauen vorbei. Nur Merkel und eine hochkarätig besetzte Wirtschaftsdelegation bekommen die Großanlage für neuartige Biokraftstoffe der zweiten Generation zu sehen, die am Donnerstag ihren Probebetrieb aufnahm.
Nach einem kurzen Blick in die Runde der anwesenden Journalisten- und Fotografenschar verschwindet die Kanzlerin unter anderem mit den Vorstandsvorsitzenden von Daimler und Volkswagen, Dieter Zetsche und Martin Winterkorn, hinter verschlossenen Türen. Die Produktionsstätte sei ein "Schmuckstück" und ein "eindrucksvolles Beispiel deutscher Ingenieurskunst", sagt Merkel nach dem Rundgang ebenso anerkennend wie lapidar.
Und fügt dann noch ein paar der für sie typischen Sowohl-Als-Auch-Politik-Sätze an: Auch in Zukunft wolle Deutschland beim Klimaschutz "entschlossen auf Innovation setzen, ohne die Industrie zu schwächen". Nachhaltigkeit im Sinne des Klimaschutzes sei dann erfüllt, wenn Ökologie, Ökonomie und soziale Belange in Einklang gebracht würden.
In einigen Monaten soll die vor der Öffentlichkeit weitgehend geheim gehaltene Anlage Biomasse in Treibstoff industriell umwandeln und einen Produktionsausstoß von 15.000 Tonnen pro Jahr haben. Das Unternehmen plant schon eine weitere Großanlage im mecklenburg-vorpommerischen Schwedt, die 200.000 Tonnen jährlich produzieren soll. Hauptsächlich will Choren bei der Produktion des neuartigen Kraftstoffes Holz verwerten.
Ökologische Reststoffe
Mit der BTL-Technologie sollen ökologische Reststoffe in Treibstoff umgewandelt werden. Anders als Biodiesel, der meist aus Raps oder Mais gewonnen wird, soll BTL keine großen landwirtschaftlichen Flächen beanspruchen, die Nahrungsmittel wie beispielsweise Reis verdrängen.
Nach dem BTL-Prinzip sollen künftig komplette Pflanzen und nicht nur deren Frucht einen wertvollen Ersatz für Diesel und Benzin liefern. Dafür wird die Biomasse, die unter anderem aus Stroh und Holzabfällen besteht, erst unter hohem Druck zersetzt und dann frisch gereinigt wieder zusammengesetzt. Die neue Substanz ist zudem effizienter als Biodiesel. Ein Hektar Ackerfläche liefert genug Biomasse, dass ein Auto mit BTL-Kraftstoff für rund 64.000 Kilometer versorgt werden kann, während es mit herkömmlichem Biodiesel nur etwas mehr als die Hälfte der Strecke zurücklegen würde.
Zum Abschied bekommt die Bundeskanzlerin am Donnerstag von Firmenchef Blades symbolträchtig eine mit Biosprit gefüllte hölzerne Zapfsäule überreicht. Der darin enthaltene Treibstoff sei allerdings lediglich ein synthetischer Kraftstoff von Shell aus Erdgas und noch nicht der Biosprit aus Holzresten, sagt Blades. Noch nicht. Merkel nimmt es verschmitzt lächelnd an, bevor sie mit ihrer Delegation weiterzieht.
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