Begleitfahrzeuge der Rallye Dakar 2011: Mit dem Amarok durch die Anden
VON FABIAN HOBERG - zuletzt aktualisiert: 22.01.2011 - 15:08Buenos Aires (RPO). Die Gauchos in Südamerika lieben Pick-Ups. Langer Radstand, Doppelkabine, ausreichend Platz auf der Ladefläche und schier unverwüstlich sind sie auch. Kein Wunder also, dass der VW Amarok seit einem Jahr in Argentinien gebaut wird. Doch was als robustes Einsatzfahrzeug für Farmer taugt, muss nicht unbedingt auch für Teilnehmer der Dakar Rallye geeignet sein.
Eins vornweg: Dieser Amarok ist nicht ganz serienmäßig. Als Begleitfahrzeug der Dakar Rallye muss der Doppelkabiner mit einigen Sicherheitsbauteilen ausgestattet sein, um eine der begehrten Startnummern zu ergattern - unter anderem drei Schalensitze, Sechs-Punkt-Gurte, Überrollkäfig und Feuerlöscher. Auch Fahrwerk und Reifen werden an die zu erwartenden erschwerten Bedingungen angepasst.
Die grobstolligen Schlamm-Pneus von BF Goodrich in der Dimension 235/75R17 müssen auch im tiefen Sand der Atacama-Wüste für ausreichend Traktion sorgen. Im Fond fehlen dagegen zwei Sitze und der Dachhimmel in der gesamten Kabine, andernfalls hätte der Käfig nicht gepasst. So ausgestattet gibt der VW aber den Insassen ein ähnliches sicheres Gefühl wie eine gepanzerte S-Klasse; auch auf der schlimmsten und abgelegensten Piste.
"Schnell die Wirbelsäule stauchen"
Die Gurte werden fest gezurrt, bis kein Blatt mehr zwischen Träger und Körper passt. „Das muss so sein, sonst kann man sich bei harten Schlägen schnell die Wirbelsäule stauchen“, erklärt Rallye-Arzt Markus Preuth. Gut zu wissen. Tatsächlich ist aber auch nach über neun Stunden Fahrt die Kombination aus Renngurt und Schalensitz nicht unbequem. Man fühlt sich mit dem Auto verwachsen, ist eins mit der Karosserie und leidet bei jedem Schlagloch mit wie ein Hund.
Die Atemnot hält sich in Grenzen und die Mischung aus Staub, Sand, Hitze und Pick-Up ist der Wahnsinn. Auf der Strecke von 9.618 Kilometern geht es bei dem Klassiker gleich zwei Mal über die Anden, über asphaltierte Straßen, aber auch durch die Atacama Wüste. Allerdings ist die Route der Begleitfahrzeuge rund 2.500 Kilometer kürzer.
Schon die ersten Meter auf Asphalt reichen für eine schnelle Eingewöhnung an das Auto, das in Deutschland übrigens ab 26.203 Euro angeboten wird. Mit Allrad sind es mindestens 28.107 Euro. Typisch VW ist die saubere Verarbeitung und die Anordnung der Bedienelemente. Lediglich der sattelschlepper-große Wendekreis und die gefühllose Lenkung irritieren und machen den Unterschied zu einem „normalen“ Auto deutlich. Das liegt aber angeblich an dem modifizierten Fahrwerk mit den doppelten Dämpfern pro Rad.
Ein ehrliches Arbeitstier
Der 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 120 kW/163 PS zieht ordentlich los, auch mit voller Beladung bei einem zulässigen Gesamtgewicht von fast drei Tonnen. Dabei steht das maximale Drehmoment von 400 Newtonmetern bei niedrigen 1.500 Touren zur Verfügung. Hohe Drehzahlen sind deshalb nicht nur sinnlos, sondern nerven auch durch die unnötige Geräuschentwicklung.
Der Bi-TDI ist dafür aber ein ehrliches und ungeschminktes Arbeitstier: Selbst bei der Anden-Überquerung auf 4.800 Meter geht dem Diesel nicht die Puste aus – dafür steigen die Kopfschmerzen und der Harndrang der Passagiere. Stopps alle zehn Minuten bringen für Mensch und Maschine Erlösung, wenn auch nur für kurze Zeit. Zwar wirkt der Diesel in den sauerstoffarmen Höhen so spritzig wie ein Lama in der Mittagssonne, aber er verrichtet zuverlässig seine Arbeit.
Rennwagen, Motorräder, Buggys und Lkw zischen am Amarok vorbei, wirbeln Staub auf und verschwinden am Horizont. Doch schnell fahren ist nicht alles. An der nächsten großen Tankstelle auf einer Verbindungsetappe stauen sich einige der Rallyeteilnehmer. Mit dem Amarok geht es dagegen entspannt weiter: Bei einem 80 Liter großen Tank und einem Verbrauch von rund 10 Litern ist der Aktionsradius ausreichend groß. Selbst bei der längsten Etappe der Dakar Rallye musste bei zurückhaltender Fahrweise nicht zwischengetankt werden. Das spart Zeit.
Amarok ist hart im Nehmen
Hart im Nehmen ist der Amarok auch. Wellblechpisten werden ebenso locker weggebügelt wie mittlere Schlaglöcher. Der Pick-Up zuckt noch nicht mal mit dem Fahrwerk und die Passagiere dank Käfig und Renngurten nur kurz mit den Wimpern. Zwar dringen die Schläge gut hörbar auch in den Innenraum, das liegt aber größtenteils an der fehlenden Dämmung des Einsatzfahrzeuges. Dank einer 8 Millimeter starken Aluplatte als Unterfahrschutz kann dem Antrieb auch bei Bodenkontakt zum Glück wenig passieren.
Mit feurigem Salsa aus dem Radio geht es flott über die Piste. Der Allradantrieb wird per Tastendruck eingelegt, die Untersetzung aktiviert und das ESP deaktiviert. Ein auf 1,0 bar gesenkter Reifendruck erhöht die Aufstandsfläche der Reifen und die schwarzen Gummis prügeln sich anschließend um die Sandkörner.
Mit leicht durchdrehenden Rädern geht es über unbefestigte Wege, die Bremse wird vernachlässigt und einzig und alleine das Gaspedal entscheidet, ob man schnell und ob man überhaupt weiterkommt. Tiefer Sand kennt keine Gnade. Wer einmal drin steckt, muss schaufeln und anschließend Sandbleche für etwas Grip unter die Räder legen. Eine schweißtreibende Sache bei Temperaturen jenseits der 35 Grad. Und das im Winter!
Wenn man erst einmal mit dem Allrad auf der Piste schwebt, kommt das gepflegtem Reiten sehr nahe. Alles ist in Fluss, die Vorderräder benötigen wenig Korrektur und per GPS und Kompass wird grob die Fahrtrichtung angepeilt. Als Orientierung dienen noch alte Spuren und Sandverwirbelungen vorausfahrender Rennwagen. Hätte der Amarok jetzt etwas mehr Leistung, würde man auch selbst genügend Staub aufwirbeln, an dem sich die anderen Fahrer orientieren könnten.
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