Interview mit Stau-Professor Schreckenberg: Schlechte Fahrer schuld am Stau
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 15.11.2006 - 14:04Düsseldorf (RP). Verkehrschaos in NRW: Tagesbaustellen, schlechtes Wetter und Unfälle brachten auch gestern wieder den Verkehr auf den Autobahnen zum erliegen. „Stau-Professor“ Michael Schreckenberg fordert Schulungen für Autofahrer, die durch Eigensinn Störungen verursachen.
Staus und stockender Verkehr stellen die Autofahrer in Nordrhein-Westfalen in diesen Tagen auf eine Nervenprobe. Was ist die Ursache für das aktuelle Chaos?
Schreckenberg: Im November ist die Verkehrsbelastung relativ hoch, weil nur wenige Menschen in diesem Monat Urlaub haben. Viele Baustellen müssen bis zum Jahresende fertiggestellt werden. Hinzu kommt, dass sich die Autofahrer noch nicht auf die Witterung eingestellt haben, zu unsicher sind und vermehrt Unfälle verursachen.
Dass der Verkehr an Bau- und Unfallstellen stockt ist nachvollziehbar. Immer häufiger stehen die Autofahrer in „Phantomstaus“ - Störungen, bei denen keine Ursache zu erkennen ist. Woran liegt das?
Schreckenberg: „Phantomstaus“können sich bilden, wenn es zu den verkehrsreichen Tageszeiten auf den Straßen eng wird. Dann können individuelle Fahrfehler fatale Folgen haben.
Die Autofahrer sind also oft selbst schuld, wenn sie warten müssen?
Schreckenberg: Jedenfalls zu einem hohen Prozentsatz.
Welche Fehler meinen Sie?
Schreckenberg: Es fängt damit an - wenn der Verkehr noch fließt - dass der Abstand zum Vordermann nicht eingehalten wird. Viele Autofahrer fahren zu dicht auf, um zu verhindern, dass sich ein anderer dazwischen drängelt. Dadurch werden Bremsmanöver erforderlich, die heftiger sind, als sie bei normalem Abstand nötig wären. Es kommt zu einer Kettenreaktion, bei der die Fahrzeugkolonne immer langsamer wird - bis sie zum Stillstand kommt.
Also würde mehr Rücksicht Staus vermeiden können?
Schreckenberg: Sicher. Ein weiteres Problem ist, dass der Blick der meisten Autofahrer zu sehr nach vorn orientiert ist. Sie beachten beim Spurwechsel den rückwärtigen Verkehr zu wenig. Beim Auffahren auf die Autobahn haben sie zu früh das Ende der Beschleunigungsspur im Blick - und fädeln sich mit viel zu geringem Tempo ein.
Wieviele Staus entstehen durch Fahrfehler?
Schreckenberg: Das kann man nicht sicher sagen. Aber Untersuchungen haben ergeben, dass unkooperatives Verhalten die Zeit, die die Autofahrer im Stau verbringen, um zehn bis zwanzig Prozent verlängert.
Was ist zu tun?
Schreckenberg: Die Sensibilität muss schon in der Schule geweckt werden. Bislang findet ein Unterricht zur Physik des Verkehrs ja praktisch nicht statt. Ich plädiere dafür, in der achten und in der zehnten Klasse jeweils eine Stunde pro Woche solche Themen zu vermitteln. Aber man muss nicht nur die Schüler unterrichten.
Anti-Stau-Kurse für Autofahrer?
Schreckenberg Ich fände regelmäßige Fortbildungen in einem Zehn-Jahres-Turnus sinnvoll. Je dichter der Verkehr wird, um so wichtiger sind ein kooperatives Fahrverhalten und eine gute Ausbildung. Viele Autofahrer wissen zum Beispiel nicht, dass es erlaubt ist, bei Unfällen den Standstreifen mit zu benutzen.
Wäre ist sinnvoll, wenn wir wie die Amerikaner rechts überholen dürften?
Schreckenberg: Nein. Das würde wohl zu mehr Unfällen führen.
An der A 52 am Kreuz Kaarst sollen derzeit Leitplanken getauscht werden. In den Abendstunden staute sich der Berufsverkehr kilometerlang - Arbeiter waren nicht zu sehen.
Schreckenberg: Das Baustellen-Management muss sicher noch weiter optimiert werden. Da haben wir derzeit erst ca. 70 Prozent des Machbaren ausgereizt. Ich setze aber auf eine Optimierung der Informationssysteme. Eine Untersuchung hat ergeben, dass nur 35 Prozent aller Daten, die von Navigationssystemen verarbeitet werden, zutreffen. Da bleibt viel zu tun.
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