Politiker fordern Tauglichkeits-Tests: Streit um "Senioren-TÜV" für Ältere
zuletzt aktualisiert: 21.07.2009 - 07:57Frankfurt/Main (RPO). Der Unfall auf dem Schützenfest in Menden hat eine hitzige Debatte ausgelöst: Sollten ältere Autofahrer regelmäßig zur Überprüfung ihrer Fahrtauglichkeit zum TÜV? Viele Experten sehen diese Forderung skeptisch.
Der lauteste Widerspruch kommt von der Autofahrer-Lobby: "Ein tragischer Unfall wie der im Sauerland ist kein Grund, ohne Not Auflagen für ältere Fahrer zu verhängen", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. In den Unfallstatistiken steche die Gruppe der über 65-jährigen Fahrer gar nicht hervor. Weitaus mehr schwere Unfälle gingen auf das Konto von Fahranfängern. Allerdings habe man in der Gruppe der ganz Alten wieder Unfallzahlen wie bei den Führerschein-Neulingen, räumt der Club ein.
Trotzdem setzt der ADAC auf Freiwilligkeit statt auf Zwangsmaßnahmen: "Es gibt Auffrischungskurse, es gibt Sicherheitstrainings, und was man nicht vergessen darf: Es gibt viele Senioren, die ihren Führerschein von sich aus abgeben, wenn sie sich unsicher fühlen", betont Maurer.
Ältere schneller ohne Überblick
Tatsächlich besagt die Statistik, dass über 65-Jährige nur für rund 10 Prozent der Unfälle mit Verletzten oder Getöteten verantwortlich sind, obwohl sie rund 20 Prozent der Bevölkerung stellen, wie das Statistische Bundesamt in seinem Bericht "Unfälle von Senioren im Straßenverkehr" schreibt. Daraus dürfe aber nicht geschlossen werden, dass ältere Fahrer die sichereren Fahrer seien: Schließlich liege ihre Fahrleistung deutlich unter der Jüngerer.
Auch heißt es in dem Bericht: "Ältere Menschen verlieren in komplexen Situationen schneller den Überblick als Verkehrsteilnehmer der jüngeren Altersgruppen." Wesentlich häufiger als jungen Fahrern würden Älteren Vorfahrts- und Abbiegefehler angelastet.
"Dieser Zeitbombe stellen"
Die Grünen verlangen deshalb verpflichtende Tauglichkeits-Tests für ältere Fahrer. Den Antrag dazu werde man auch in den neuen Bundestag einbringen, sagt ihr verkehrspolitischer Sprecher Winfried Hermann. "Inzwischen haben wir eine ganze Generation, die mit dem Führerschein alt wird. Die Fahrer werden immer älter, und dieser Zeitbombe muss sich das Parlament irgendwann einmal stellen", verlangt er.
Geht es nach dem Grünen-Politiker, müssten ältere Fahrer - etwa ab 70 - regelmäßig zum Arzt, um ihre Tauglichkeit testen lassen. Bei der Einführung solcher Pflichtuntersuchungen müsse man aber "vorsichtig und sehr individuell vorgehen", keinesfalls dürfe es zu Altersdiskriminierung kommen. "Pauschal jedem 75-Jährigen im Hauruck-Verfahren den Führerschein wegzunehmen - das geht natürlich nicht."
"Recht auf Mobilität hohes Gut"
"Pflicht-Untersuchungen für Alte wären rechtlich problematisch", warnt Michael Brenner, Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Uni Jena. Wer spezielle Auflagen für eine bestimmte Gruppe durchsetzen wolle, brauche gute Gründe. Schließlich müsse auch das Bundesverfassungsgericht davon überzeugt werden, dass Senioren mit Tauglichkeits-Tests und anderen Regeln nicht diskriminiert würden. "Da geht es um eine wichtige Abwägung. Das Recht auf Mobilität ist ein hohes Gut", erklärt Brenner.
Dem Experten zufolge würde die Unfallstatistik wohl nicht reichen, um das Verfassungsgericht von der Rechtmäßigkeit eines "Senioren-TÜVs" zu überzeugen. "Dies ginge wohl eher mit der Begründung, dass Sehkraft und Reaktionsvermögen bei Älteren nun einmal schlechter werden." Andererseits glichen viele ältere Fahrer ihre Schwächen aus, in dem sie routinierter lenkten. "Viele verzichten auf Fahrten bei Regen oder Dunkelheit oder beschränken sich auf Strecken, die sie gut kennen."
Diese Ansicht teilt man auch im Bundesverkehrsministerium, das im Gegensatz zu einigen anderen EU-Ländern keine Prüfungen für Alte plant. Altersbedingte Nachteile glichen Senioren häufig mit einer besonders besonnenen Fahrweise aus.
"Regionalführerschein" als Lösung
Für eine differenzierte Lösung plädiert Egon Stephan, Verkehrspsychologe von der Universität Köln: Er empfiehlt einen zeitlich oder örtlich begrenzten Führerschein für Senioren, die durch unsicheres Fahren auffallen. "Wenn bei einem Fahrer beispielsweise eine erhöhte Blendempfindlichkeit festgestellt wird, darf derjenige eben nur noch bei Tageslicht hinters Steuer", sagt Stephan. Denkbar sei auch, die Fahrerlaubnis auf einen 20-Kilometer-Umkreis zu beschränken, so dass sich der Senior nur auf auf bekanntem Gebiet bewegen könne.
In jedem Fall müssten die Auflagen "sachdienlich und individuell" sein, fordert Stephan. "Zwar kommt bei jedem irgendwann der Punkt, an dem er nicht mehr fahren kann." Je nach genetischer Ausstattung und Lebensführung sei der Zeitpunkt dafür aber sehr unterschiedlich: "Mal kommt er mit Mitte 60, mal mit Ende 80."
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