US-Klassiker, Teil 4: Sünde oder Mehrwert? Tuning von Oldtimern
zuletzt aktualisiert: 02.06.2005 - 13:46Hamburg (rpo). Für Puristen grenzt es an Sünde, für Enthusiasten ist es dagegen die Krönung: Das Tuning von Oldtimern. Gerade das Tuning von US-Klassikern findet in Deutschland immer mehr Freunde. Sie nutzen die alten Autos als Basis für hoch motorisierte Einbauten, die weit weg vom eigentlichen Serienstandard führen.
Begehrte Objekte sind dabei die Hot Rods. "Diese oft bis zur Unkenntlichkeit veredelten US-Oldtimer waren schon Spaß- und Sportwagen, als ganz Deutschland noch im VW Käfer unterwegs war", sagt Ralf Pötzl aus Lollar (Hessen). In mehr als 5000 Arbeitsstunden hat er einen 41er Pickup zum Kraft strotzenden Gesamtkunstwerk umgebaut. Die "heißen Eisen" seien lange eine Vorliebe der Jugend an der Westküste der USA gewesen. "Doch seit Ende der Achtziger sind sie mit Filmen wie "American Graffiti" in den USA wieder populär und auch in Europa bekannt geworden."
Begonnen hat die Geschichte der Hot Rods in den dreißiger Jahren. "Schon damals haben die Jugendlichen vor allem in Kalifornien mit "heiß" gemachten Wagen illegale Rennen ausgetragen", erzählt Pötzl. Um die Boliden leichter und schneller zu machen, entfernten sie alle Teile, die nicht unbedingt nötig waren. So verschwanden neben Lampen und Stoßstangen auch Kotflügel und manchmal sogar die Motorhauben.
Mit kleineren Vorderrädern, schräger gestellten Scheiben und tiefer gezogenen Dächern wurde die Aerodynamik verbessert. "Auf diese Weise entstand jener Urtypus des Hot Rods, der auch heute noch bei den großen Treffen für das meiste Aufsehen sorgt", so Axel Steinbach, Vertreter der European Street Rod Association aus Solms (Hessen).
Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt
Die Definition für einen "Street Rod", den straßentauglichen Hot-Rod-Nachfahren, setzt der Fantasie kaum Grenzen. "Alle Fahrzeuge, die auf einem Auto aus den Jahren vor 1949 basieren, dürfen sich Hot Rod nennen", sagt Pötzl. Die große Masse der Rods basiere heute auf Vorkriegsmodellen von Ford oder Chevrolet. Doch mit den Originalen haben die zwischen 30 000 und 60 000 Euro teuren Fahrzeuge nur noch wenig gemein.
Auch wenn sich viele Oldtimer-Freunde noch daran gewöhnen müssen: Die "Rodder" machen aus den Klassikern individuelle Kunstwerke. "Sie spielen mit Farben und Formen, und die Autos protzen schon im Stillstand mit ihren Kräften", erzählt Steinbach. Umfangreiche Lederausstattung und fantasievolle Lackierungen seien die Regel.
"Selbst verchromte Zylinderbänke und Kraftstoffleitungen, Neonröhren an den Fußleisten oder beleuchtete Unterböden sind keine Seltenheit", sagt Axel Steinbach. Und unter der Motorhaube geht das Wettrüsten weiter. Meist vertrauen die Fahrer dabei auf standesgemäße V8-Motoren mit bis zu acht Litern Hubraum - die je nach Tuning zwischen 150 und 800 PS leisten.
Variable Bodenhöhe
Etwas näher an der Gegenwart sind die Lowrider. "Dabei handelt es sich um Autos mit variabler Bodenhöhe", sagt Mathias Roppel, Pressesprecher der European Lowrider Challenge (ELC) aus Herten (Nordrhein-Westfalen), einer internationalen Serie von Lowrider-Wettbewerben. Weil die Autos ein Hydrauliksystem eingebaut bekommen, können sie per Fernbedienung auf und ab bewegt werden.
Wer geschickt mit der Steuerung umgeht, kann seinen Wagen in alle vier Richtungen bewegen und ihn buchstäblich tanzen lassen - ein Kunststück, das die Lowrider auch bei Shows oder Messen vollführen. Dabei gibt es vor allem die europäischen Lowrider-Szene kaum Vorgaben was den Fahrzeugtyp betrifft: Auf einschlägigen Websites und in den Fachmagazinen "tanzen" amerikanische Klassiker neben deutschen Youngtimern oder Fahrzeugen aus der aktuellen Produktion.
Ihren Ursprung hat die Bewegung in den Vereinigten Staaten. Vor allem viele Chicanos, lateinamerikanische Einwanderer, wollten in den vierziger und fünfziger Jahren mit den Lowridern auf sich aufmerksam machen. "Mit ihren wild springenden Limousinen machten sie sich über die automobilen Wildwest-Pferde der sozial anerkannten Amigos lustig", heißt es bei der ELC. Ähnlich wie die Rodder haben auch die Lowrider ihren internationalen Durchbruch Helden von der Leinwand zu verdanken: den beiden Lebenskünstern "Cheech and Chong".
Nicht nur klassische Ideale
Die Tuner der verschiedenen Gruppen eint, dass sie nicht nur nach klassischen Idealen suchen: "Weil sich die nordamerikanischen Fahrzeughersteller mit ihren Sportwagen in den letzten Jahrzehnten immer weiter von den Wunschvorstellungen oder der Finanzkraft ihrer Fans entfernt haben, sind auch Youngtimer längst zur Spielwiese für Bastler geworden", sagt Drew Autio, Tuner und Rennfahrer aus Edmonton in Kanada.
Besonders beliebt seien dabei die so genannten Blower, riesige Kompressoren aus Lastwagen, die mit einer Adapterplatte auf die Achtzylinder jüngerer Mustangs oder Camaros geschraubt werden und die Leistung der Originalmotoren verdoppeln können. Zwar passen diese Bauteile nicht unter die Motorhaube, doch erhöht das laut Autio nur den Reiz der ganzen Aktion: "Denn wenn der Blower vorn aus dem Bug ragt, dann können die anderen schon im Stillstand sehen, wie viel Power so ein Auto hat."
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