50 Jahre Chevrolet Corvair: VW Käfer auf amerikanisch
VON HEIKO HAUPT, DPA - zuletzt aktualisiert: 03.12.2009 - 07:24Detroit (RPO). Der Chevrolet Corvair hat eine seltsame Eigenschaft: Er erinnert Menschen immer irgendwie an irgendetwas – ohne dass sich die Menschen auch nur entfernt an ihn selbst erinnern. Denn der vor 50 Jahren vorgestellte Corvair war mit seinem Boxermotor im Heck im Grunde die amerikanische Antwort auf den VW Käfer. Und dann sorgte er auch noch unfreiwillig dafür, dass im Automobilbau die Sicherheitsdiskussion erst wirklich einsetzte.
Amerikanische Autos wurden in den 50er und 60er Jahren durchweg unter einem Begriff zusammengefasst - Straßenkreuzer. Ein Begriff, der nicht von ungefähr kam: Zu jener Zeit - und teilweise auch noch heute - waren Autos aus den USA meist wahre Blechgebirge. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten herrschte schließlich keine Enge auf den Straßen. Weitere Merkmale waren häufig wabbelweiche Fahrwerke und natürlich ein sonor brabbelnder V8-Motor unter der Haube.
In den 50ern hatten diese Autos jedoch Konkurrenz bekommen. Europäische Modelle waren gefragt – und unter ihnen vor allem der legendäre VW Käfer. Der war bekanntlich das genaue Gegenteil eines Straßenkreuzers: Er war klein und wendig und hatte statt des V8 unter der Fronthaube einen luftgekühlten Vierzylinder-Boxermotor im Heck.
Der Käfer hat US-Auto-Experten überrascht
Der Erfolg des Käfers hat nicht wenige Auto-Experten in den USA überrascht. Und so mag es wiederum auch nicht überraschen, dass bei der Antwort auf den Käfer irgendwie seltsam vorgegangen wurde. Naheliegend wäre es ja gewesen, das übliche US-Auto einfach mal ein wenig zu verkleinern und statt eines Achtzylinders einen Motor mit vier Zylindern unter die vordere Haube zu setzen. Vermutlich hat in jenen Jahren der eine oder andere Experte den Erfolg des deutschen Massenautos aber auch durch dessen technisches Konzept erklärt: Und das bestand eben grundsätzlich aus Luftkühlung und Boxermotor im Heck.
Eine rollende Seltsamkeit
Heraus kam, was heraus kommen musste: Die amerikanische Umsetzung des Themas Käfer wirkte so, als hätte in Deutschland jemand versucht, den Käfer zum Straßenkreuzer zu machen. Der Ende 1959 gestartete Chevrolet Corvair war eine rollende Seltsamkeit. Seine Erbauer sahen ihn als Kompaktauto, was er für die USA auch war. Trotzdem überragte er den rund 4,0 Meter langen Käfer um immerhin einen halben Meter.
Auch in Sachen Antrieb beließ Chevrolet es nicht beim Prinzip der Wolfsburger Schonkost. Auf den ersten Blick war im Corvair zwar alles ähnlich: Luftkühlung und Boxermotor im Heck. Statt nur vier Zylindern gab es allerdings deren sechs, und die gewohnten Käfer-Hubräume in der Region von 1200 Kubikzentimetern verdoppelte man gleich mal mit - 2,4 bis 2,7 Liter sollten es schon sein.
183 PS dank Turbolader
Dass auch ein paar Pferdestärken mehr zum Einsatz kamen, versteht sich von selbst – bis zu 110 kW/152 PS waren möglich, später sogar 135 kW/183 PS. Auch dank eines Turboladers, der den Corvair zu einem der ersten Serienautos mit Turbomotor machte.
Und dann war da noch das Design. Die Formgebung hatte sich vom US-Barock verabschiedet und eine ganz eigene Linie kreiert. Deren auffälligsten Merkmal ist ein rundum verlaufender Karosseriefalz. Der wiederum ist der Grund dafür, dass vor allem in Deutschland der Corvair irgendwie bekannt wirkt - so, als wäre er einem schon mal irgendwo begegnet. Ist er aber in der Regel nicht. Vielmehr fand der eine oder andere europäische Designer diesen Blechknick schick und setzte ihn bei eigenen Entwürfen ein. Beispiele dafür sind die legendären NSU Prinz aus der Zeit ab 1963 oder der "große" Karmann Ghia vom Typ 34.
Hinweis auf gefährliche Fahreigenschaften
All dies zusammen macht den Chevrolet Corvair schon zu einem ungewöhnlichen Fahrzeug. Doch es ging noch weiter: Denn die Modellreihe sollte die ganze Autowelt beeinflussen. Ein Name ist auf ewig mit dem Chevrolet Corvair verbunden: der des Verbraucherschutzanwalts Ralph Nader. Der widmete dem Auto Teile seines Buches "Unsafe At Any Speed", wobei es sich keinesfalls um eine positive Widmung handelte. Vielmehr warf der Anwalt dem Auto gefährliche Fahreigenschaften vor und wies in diesem Zusammenhang auf einige Unfälle hin.
Dahinter verbarg sich vor allem die Tatsache, dass die Achskonstruktion zunächst der des Käfer ähnelte. Außerdem hatte der Motor seinen Platz im Heck, was zu einem Fahrverhalten führte, das von den Frontmotor-Straßenkreuzern nicht bekannt war.
Wimmernd zum äußeren Kurvenrand
Wer mit denen zu schnell um die Kurve wollte, spürte das daran, dass die Vorderräder wimmernd zum äußeren Kurvenrand schoben. Das Heckmotorauto dagegen tendierte in schnellen Kurven dazu, mit dem Heck auszubrechen. Das war einerseits konstruktionsbedingt, allerdings wies auch Chevrolet selbst darauf hin, dass in diesem Zusammenhang die Einhaltung bestimmter unterschiedlicher Reifendrücke wichtig sei - was natürlich nicht jedem Fahrer wirklich wichtig war. Die vergleichsweise hohe Leistung der Heckmotoren erleichterte die Beherrschung des Wagens im Grenzbereich nicht gerade.
Es kann lange diskutiert werden, wie falsch oder richtig die Vorwürfe des Anwalts waren. Auf jeden Fall setzte mit ihnen die Sicherheitsdiskussion in Sachen Autos erst wirklich ein. Für die Verkaufszahlen des Corvair war das Thema aber nicht förderlich.
Hinterachse der Corvette
Zwar wurde bei den Autos des Modelljahrgangs 1965 die Hinterachse gegen die Aufhängung der legendären Chevrolet Corvette ausgetauscht, doch das Vertrauen war dahin. Auch die Modernisierung des Blechkleids bei Beibehaltung der gewohnten Corvair-Vielfalt aus Modellvarianten wie Coupé, Cabrio, Limousine oder gar Lieferwagen konnte die Nachfrage nicht anheizen.
Dass die Konkurrenz nicht geschlafen hatte und ebenfalls "Kompaktmodelle" wie einen Ford Mustang an den Start brachte, sollte das Ende noch beschleunigen. Im Mai 1969 lief der letzte Corvair vom Band, immerhin gut 1,2 Millionen Exemplare waren entstanden. Und seine Form ist bis heute unvergessen, auch wenn sie seltsamerweise immer mit anderen Autos in Verbindung gebracht wird.
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