Youngtimer-Status erreicht: VW Käfer: Das kugelige Kultauto
VON STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 22.01.2007 - 11:40Düsseldorf (RP). VW-Käfer erleben derzeit die erste Phase des Youngtimer-Status. Bis 2003 wurden 21,5 Millionen Exemplare gebaut. Nun verabschieden sich die Zulieferer. Und die Werkstätten horten Getriebe.
Der Kult um den VW-Käfer wächst und wächst und wächst, nachdem das letzte Exemplar der „Ùltima Ediciòn“ am 30. Juli 2003 vom Band lief. Seitdem hat der kugelige Wagen echten Oldie-Status und versetzt beim Vorbeidröhnen ganze Generationen in eine Zeit zurück, in der Bremsen und Fensterkurbeln noch das Fitness-Studio ersetzten.
In der Nachkriegszeit bewegte der Käfer die Nation. Er schleuderte bei jeder Bodenwelle die Mitfahrer von der Federkern-Rückbank unter den kaum gepolsterten Himmel. Sein luftgekühlter Boxer-Sound überdröhnte bei 120 Stundenkilometern das Radio. Und im Winter kratzten die Fahrer das Eis nicht nur außen von der Windschutzscheibe.
Das alles gibt es heute noch. Nicht mehr als Massenphänomen, aber für Einzelne mit Leidenschaft am Schrauben und dem nötigen Kleingeld. Denn: Die Unterhaltskosten für den Volkswagen sind hoch im Vergleich mit modernen Autos. Der Käfer schluckt viel Benzin (7 bis 8 Liter) mit Bleiersatz. Und er rostet. Jeder Winter frisst am Metall so stark wie zehn Sommer. Und nur noch wenige Werkstätten im Zeitalter von Computer-Diagnosen reparieren solche luftgekühlten Gesellen.
Käfer kein klassenloses Auto mehr
Zu diesen Spezialisten gehört der Düsseldorfer Gerd Weiser (52), der in der Käfer-Szene einen weltweiten Ruf für Restauration und Tuning der „Herbies“ genießt. Weiser ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Seine Eltern betrieben im Stadtteil Gerresheim einen Getränkehandel, den er übernehmen sollte.
Da er seit seiner Jugend lieber die Lkw auf dem Hof reparierte, verkaufte die Familie den Betrieb. In den ehemaligen Hallen eröffnete Weiser vor 20 Jahren mit einem Partner eine Werkstatt. Seine Spezialität: VW-Käfer. „Ich kam in die Szene durch einen Freund, der damals schon seinen Käfer getunt hatte“, erzählt er.Die Hallen dienen heute als Teilelager. Weiser hortet unter anderem Getriebe, denn: „Wir müssen immer zehn Jahre weiter denken.“ Mehrere Wagen zum Ausschlachten stehen auf seinem Hof herum, drinnen liegen die Einzelteile, mit Nummern beschriftet und nach Baugruppen sortiert. Es ist alles da, um einen Käfer bis auf die letzte Schraube zu restaurieren.
Eine Besonderheit, die seinen Betrieb auszeichnet, sind etwa 50 verschiedene Ersatzteile, die der 52-Jährige selbst entwickelt hat und exklusiv vertreibt. „GWD-Specials“ heißen sie. Darunter sind Gasdruckdämpfer für die Haube, ein Diebstahlschutz, Auspuffanlagen, Motorteile und mehr. Weiser hat diese Teile optimiert und lässt sie nach heutigen Standards für lange Laufzeiten fertigen.
Engpässe bei Ersatzteilen
Das Geschäft floriert. Alle drei Angestellten sind Käfer-vernarrt. Das Büro führt seine Frau Ulrike, und selbst die Oma, Emmi Weiser (74), hilft noch mit als Teilekurier.
In einem solchen Laden ist der gegenwärtige Wandel der Szene deutlich spürbar. Die Preise für Ersatzteile zogen seit dem Produktionsende in Mexiko rasant an. Zulieferer verabschiedeten sich, und es kommt immer häufiger zu Engpässen.
Im Alltag macht sich die neue Situation durch Diebstähle an geparkten Käfern bemerkbar. Über Nacht werden Chromringe von Lampen oder Zierleisten geklaut. „Gemessen am Alter des Käfers waren bis zuletzt noch verhältnismäßig viele Teile bei VW erhältlich“, sagt Weiser. „Die Einschnitte kommen erst jetzt.“ Beispielsweise gibt es keine Lenkgetriebe mehr. Die Werkstätten sind auf Ausschlachtungen angewiesen. Bei alten Modellen hilft oft nur wochenlanges Suchen nach Ersatzteilen im Internet.
Anhänger in allen Schichten
Das alles führt dazu, dass Käfer kaum mehr im Alltag benutzt werden, sondern vielmehr unter die Kategorie „Hobby“ fallen. Die meisten Modelle auf deutschen Straßen sind 20 bis 40 Jahre alt. Sie leiden an den typischen Krankheiten - der rostenden Karosserie und immer mehr Getriebefehlern. Gemessen an anderen Youngtimern, gelten Käfer in der Szene als günstige Einstiegsautos. Sie sind zwar noch weit entfernt vom Image des Luxus-Schätzchens, finden - damals wie heute - Anhänger in allen Schichten. Junge Frauen fahren das Auto als Erbstück, junge Männer schrauben daran, Senioren gefällt das nostalgische Gefühl hinter dem Steuer, und wieder andere machen aus ihm einen „Wolf im Schafspelz“. Sie lassen Käfer tunen und fahren mit mehr als 100 PS und diebischer Freude auf der Überholspur.
Frage des Marktwerts
Zwei Trends zeichnen sich allerdings ab: Die Kfz-Profis werden weniger, und die Kundschaft wird im Schnitt immer älter - eine Folge der wachsenden Unterhalts- und Restaurationskosten. Jeder, der seinen Käfer heute für die Zukunft in Stand setzen lässt, hat zwei Möglichkeiten. Die günstige Variante für eine TÜV-Abnahme beschränkt sich auf Schweißen, Lackieren und eventuell ein neues Verdeck beim Cabrio. Derartige Aufwendungen kosten bis zu 7000 Euro.
Eine Rundum-Restauration dagegen, bei der jedes Teil zerlegt und ersetzt wird, nimmt 300 bis 500 Arbeitsstunden in Anspruch und kostet dementsprechend zwischen 15.000 und 30.000 Euro. „Meist übersteigen diese Kosten den späteren Marktwert um das Doppelte“, sagt Weiser. Käferfahrer stehen somit vor der emotional schwierigen Frage, ob sie am eigenen Fahrzeug hängen oder lieber einen schon restaurierten Käfer kaufen.
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