Schlimmste Schlappe der Geschichte: Weltweites Rückruf-Desaster für Toyota
zuletzt aktualisiert: 28.01.2010 - 14:39Tokio (RPO). Der Lack von Toyota erleidet mehr als nur ein paar Kratzer. Nach dem Desaster in den USA weitet der japanische Autoriese seine Rückruf-Aktion auf weltweit bis zu acht Millionen Fahrzeuge aus. Experten sprechen von der schlimmsten Schlappe in der Geschichte. In Europa könnten allein zwei Millionen Autos betroffen sein.
Der weltgrößte Autobauer ließ den Umfang des Rückrufs am Donnerstag offen. Japanischen Medien zufolge sollen in Europa zwei Millionen Fahrzeuge betroffen sein. In den USA hatte der Konzern zuvor den Verkauf von acht Modellen gestoppt und sechs Millionen Autos in die Werkstätten beordert, nachdem Probleme mit dem Gaspedal auftraten, die bereits zu Unfällen geführt hatten.
"Die Kollegen in Japan zählen noch", sagte ein Sprecher von Toyota in Deutschland der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechne damit, dass bis Freitag klar sei, welche Modelle, Baureihen und Baujahre betroffen seien. "Die Besitzer werden angeschrieben und können ihre Fahrzeuge kostenlos reparieren lassen." Es gehe um das gleiche Problem, dass das Gaspedal schwergängig sei.
"Das ist der schlimmste Rückschlag in der Geschichte von Toyota", urteilte Auto-Professor Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen. Gerade Toyota habe stets mit technischen Innovationen etwa Hybrid-Antrieben geworben: "Wenn das zu Lasten der normalen Entwicklung wie der Sicherheit geht, schädigt das dem Ansehen Toyotas", verweist Schreckenberg auf den extrem harten Wettbewerb in der Autobranche.
Betroffene Modelle
Gaspedal: In den Vereinigten Staaten sind von dem Gaspedal-Problem folgende Modelle betroffen: RAV44, Corolla und Matrix der Baujahre 2009 und 2010, Avalon (Baujahre 2005 bis 2010), Teile der Camry-Produktion (2007 bis 2010) sowie die Geländewagen Highlander und Tundra (2010) und Sequoia (2008 bis 2010). Bei Autos der Luxusmarke Lexus gibt es laut Toyota keine Probleme.
Fußmatten: Betroffen sind fünf Modelle aus Baujahren zwischen 2008 und 2010, darunter der Geländewagen Highlander, der kompakte Corolla der Crossover Venza und der kleine Matrix.
Toyota hatte zuvor mitgeteilt, bei 1,1 Millionen Fahrzeugen in den USA zudem die Gefahr beheben zu wollen, dass sich die Fußmatte mit dem Gaspedal verklemme und den Wagen dadurch ungewollt beschleunige. Falls in Europa tatsächlich zwei Millionen Autos in die Werkstätten müssen, würde sich die Rückrufaktion auf insgesamt acht Millionen Fahrzeuge erstrecken. Diese Größenordnung entspricht fast dem gesamten Fahrzeugabsatz des Konzerns in einem Jahr. Der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo zufolge will Toyota auch in China 75.000 Wagen überprüfen.
In Deutschland sei das Gas-Problem bisher nicht gemeldet worden, erklärte ein Sprecher von Toyota-Deutschland. Verunsicherte Kunden könnten aber ihren Händler aufsuchen, sagte er. Ein Sprecher von Toyota-Deutschland erklärte auf Anfrage der Nachrichtenagentur DAPD, in Deutschland sei das Problem bisher nicht aufgetreten. Autos aus US-Werken des Konzerns würden nicht nach Deutschland geliefert.
Auch Analysten zufolge ist der Imageschaden für den Branchenprimus enorm. "Toyota hat die Ressourcen, sich davon zu erholen, aber das ist die größte Krise, in der sie jemals waren", sagte Jim Ziegler, Auto-Experte in Atlanta. Der finanzielle Schaden hänge davon ab, wie lange der Konzern die Produktion der Fahrzeugtypen anhalten müsse, sagten andere Analysten. "Der Verkaufs- und Produktionsstopp könnte Toyota mindestens 550 Millionen Dollar kosten", schätzte Koji Endo von Advanced Research Japan.
Das japanische Vorzeigeunternehmen hatte sich vor allem mit einem Ruf für Sicherheit und Qualität an die Weltspitze der Autobranche vorgearbeitet. Der Konzern wurde schon von der Absatzkrise im Zuge des weltweiten Konjunktureinbruchs schwer getroffen und muss sich eines Angriffs von VW erwehren. Denn der Wolfsburger Rivale will Toyota in den nächsten Jahren vom Thron stoßen.
Reaktion der Tokioter Börse
An der Tokioter Börse verloren Toyota-Titel am Donnerstag vier Prozent. Seit vergangener Woche brachen die Anteilsscheine um mehr als 15 Prozent ein, was einen Börsenwert von rund 25 Milliarden Dollar bei Japans größtem Unternehmen nach Marktkapitalisierung vernichtete. Toyota hatte im Herbst angekündigt, für das Geschäftsjahr bis Ende März mit einem operativen Verlust von 350 Milliarden Yen (rund 2,8 Milliarden Euro) zu rechnen.
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