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Schlangen bei den Fahrschulen: Nachsitzen für Verkehrssünder

VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 14.05.2007 - 11:44

Düsseldorf (RP). Seit die Gesetze verschärft worden sind, stehen Temposünder in den Fahrschulen Schlange. Durch eine Nachschulung können sie Punkte in Flensburg abbauen. 250 Euro und rund zehn Stunden Zeit kostet der Unterricht, der den Führerschein retten kann.

Der helle Moment, der alles ändern sollte, entsprang diesmal keiner Eingebung, sondern einer Radarfalle. Unbarmherzig eindeutig hatte der Blitz die „Verkehrswidrigkeit nach § 18 der StVO“ eingefroren: Tempo 120 bei erlaubten 80 auf der Autobahn.

Nach nunmehr sechs Fotos dieser Art brauchte Andreas L.* (36) dringend Hilfe. Erstmal die des Anwalts. „13 Punkte in Flensburg“, fasste der die Lage beim Blick in die Akte zusammen, „wenn’s dumm läuft, kommen jetzt drei dazu.“ Des Anwalts Rat: Sofort zum Punkte-Abbau-Seminar. Und so sitzt Andreas eine Woche später mit 16 anderen Noch-Autofahrern im abgedunkelten Obergeschoss der Düsseldorfer Fahrschule Marx.

Stimmung heiter

Trotz der Grillpartys, die der Trupp an diesem sommerlichen Abend absagen musste, und trotz der 250 Euro, die der Kursus kostet, ist die Stimmung heiter. Die erwartete Standpauke bleibt aus: „Ich habe auch einen Punkt in Flensburg“, so bricht Fahrlehrer Richard Rönnau das Eis, „und ehrlich gesagt: Es könnten mehr sein.“

In der ersten der vier Theorie-Doppelstunden steht die große Beichte auf dem Programm. Karlheinz B., ein gut 200 Kilo schwerer Berufskraftfahrer, hat 15 Punkte. „Alle wegen Abstand“, erzählt Karlheinz und erklärt im breiten Brummi-Deutsch, warum ein Lkw die vorgeschriebenen 50 Meter Distanz zum Vordermann einfach nicht einhalten kann: „Da rutscht sofort der nächste dazwischen, und ich kann von vorne anfangen. Da kann ich meine Ladung ja gleich auf den Parkplatz kippen.“ Pietric S. erzählt in gebrochenem Deutsch von einer Körperverletzung mit Fahrerflucht, die ihm zwölf Punkte eingebracht habe. „Wusste ich nicht“, sagt er, „ich komme aus dem Kosovo.“

"Schlimm geworden"

Alle anderen Teilnehmer sitzen wie Andreas wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen auf den braunen Bürostühlen. „Das ist schon schlimm geworden mit den Punkten“, erzählt Fahrlehrer Rönnau, den aus irgendeinem Grund alle nur noch „der Richard“ nennen. „Seit das Gesetz verschärft wurde, gibt es kaum noch einen Vielfahrer ohne Flensburg-Probleme.“ Als Ausrede lässt „der Richard“ das aber nicht gelten. „Wir müssen eben entsprechend fahren“, sagt er, „nützt ja nichts.“

Die 30-minütige Fahrprobe, beim Erstkontakt mit der Fahrschul-Welt noch das Highlight schlechthin, gerät 20 Jahre später beim Aufbau-Seminar zur langweiligen Pflichtübung. Andreas sitzt auf dem Rücksitz des Fahrschul-Astras. Vorne „der Richard“ und am Steuer der Geschäftsführer einer Klingelton-Firma. Der Klingelton-Mann soll mal hierhin und mal dahin fahren, und Andreas soll alle Fehler notieren. Danach wird gewechselt. „Und?“, will Richard wissen. „Ganz toll“, lautet die knappe Antwort - Andreas muss zur Arbeit. Auch der Klingelton-Manager findet Andreas’ Fahrstil „einfach nur schön“. Klingeltöne darf man nicht warten lassen.

Proppenvolle Kurse

Fahrlehrer Richard ist 69. Fast im Monatsrhythmus bietet er das Seminar inzwischen zusammen mit seinem gleichaltrigen Chef Harald Brocker an: „Die Kurse sind immer proppenvoll“, sagt Brocker. „Der Richard“ und „der Harald“ haben sich den pädagogischen Zeigefinger längst abgewöhnt. „Das bringt nichts“, sagt Harald, „das sind alles Profis hier. Die wissen selbst, wie lang ein Bremsweg ist und dass es bei dem dichten Verkehr von heute ohne Tempo-Limits einfach nicht mehr geht.“ Richard und Harald bevorzugen einen jovial-pragmatischen Tonfall. „Kauft euch einen Tempomaten“, rät Brocker den Teilnehmern, „einfach Tempo 50 einstellen und dann ruhig Blut.“

In der zweiten Theorie-Stunde brechen Andreas und sein Banknachbar Sven H., ein Warenhaus-Vorstand, ihren höhnischen Augen-Verdreh-Wettbewerb ab. Denn was „der Richard“ und „der Harald“ zu sagen haben, ist interessanter als gedacht. „Früher konnte man noch mit dem Anwalt tricksen“, erzählt Harald, „Fristen hinauszögern und so Punkte vermeiden.“ Diese Gesetzes-Lücke sei längst gestopft. Außerdem sei die Zahl der Radarfallen in den vergangenen Jahren so dramatisch gestiegen, „dass die irgendwann sowieso jeden kriegen“. Vielfahrer erst recht. Also: Fuß vom Gas. Immer. „Ich weiß, dass schnell fahren Spaß macht“, sagt Harald, „aber die Zeiten sind vorbei.“

Sein Tipp für Vielfahrer: Wann immer möglich, andere fahren lassen. Der Richard macht das auch so: „Wenn wir privat unterwegs sind, fährt grundsätzlich meine Frau.“

*Namen geändert


 
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