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Kritik an Mini-Cars wächst: Quads: Eine riskante S-Klasse!

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 22.02.2005 - 11:17

Geldern (RP). Der neue Führerschein für 16-Jährige steht bei ADAC und Fahrlehrern in der Kritik - Mini-Cars schneiden bei Crash-Tests miserabel ab, die Quads gelten als "zu kippelig" und als "Hindernis im Straßenverkehr".

Sechs Wochen noch, dann ist Kirsten Vogel endlich nicht mehr auf den Bus angewiesen. Dann ist es ihr egal, dass die Linie 48 nur alle zwei Stunden an ihrer Bushaltestelle in dem kleinen Städtchen Kerken vorbeikommt. Denn ab Mitte April fährt Kerstin "S-Klasse".

So heißt der neue EU-Führerschein, mit dem die noch 15-Jährige dann Mini-Autos, Leichtkraftfahrzeuge bis 350 Kilogramm und so genannte Quads fahren darf, jene motorisierten Vierräder, die wie eine Kreuzung aus Jet-Ski, Monster-Truck und Rasenmäher aussehen. Derzeit lässt sich Kirsten in der Gelderner Yamaha-Motorrad-Fahrschule ausbilden.

Das Motorradgeschäft nebenan führt auch Quads. "Eigentlich wollte ich einen Roller haben, aber als ich diese lustigen Dinger sah und von dem neuen Führerschein erfuhr, war ich begeistert", sagt sie. Bislang ist Kirsten am Niederrhein die einzige Anwärterin auf den Führerschein, den selbst einige Fahrlehrer für "abenteuerlich" halten.

"Bislang habe ich von keinem weiteren Interessenten gehört", sagt Kurt Bartels vom Fahrlehrerverband Nordrhein. Knapp 1000 Fahrschulen von Wesel bis Schleiden sind in dem Verband Mitglied. "Viele Kollegen sind aus Sicherheitsgründen gegen die neue S-Klasse", sagt er. Auch der TÜV rechnet mit steigenden Unfallzahlen bei der sowieso schon auffälligen Gruppe der jungen Fahrer.

Überlebenschance? Gleich Null

Der Automobilclub ADAC hatte jüngst zusammen mit der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) miserable Crash-Test-Ergebnisse für Mini-Cars veröffentlicht. Mit 40 Kilometer pro Stunde ließen die Experten die Kleinstwagen auf einen Renault Twingo krachen. Das erschreckende Ergebnis: Teile des Motors, des Getriebes und der Lenkung drangen in die Fahrgastzelle der Mini-Autos.

Überlebenschance? Gleich Null. "Die können wegen des Maximal-Gewichts gar keine entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen einbauen", erklärt Jacqueline Grünewald vom ADAC Nordrhein. Auch die Quads seien in Kurven und bei Bremsungen "ziemlich kippelig", sagt sie. Und: Sowohl Mini-Cars als auch Quads sind so langsam (maximal 45 km/h), dass sie im Straßenverkehr zum Hindernis werden könnten.

"Riskante Überholmanöver und Auffahrunfälle sind die Folge", sagt Kurt Bartels. Doch die Vertreter der europäischen Micro-Cars und Quad-Hersteller leisteten bei den Europa-Politikern in Brüssel intensive Lobby-Arbeit. Die Nicht-Zulassung der kleinen Fahrzeuge für die unter 18-Jährigen in Deutschland sei wettbewerbsverzerrend, hieß es. Die EU setzte den Führerschein schließlich europaweit durch.

"Die müssen da ordentlich an die Türen geklopft haben", glaubt Grünewald. Kurt Bartels hat hingegen Verständnis für die Industrie: "Der Rollermarkt bricht seit Jahren ein, die Quads und Mini-Cars sind das einzige noch boomende Segment." Kirsten Vogels Fahrlehrer Gerd Schramm findet die Gefahren-Debatte einseitig. "Heute kann doch jeder 16-Jährige Roller fahren, die Gefahren sind da genauso groß", sagt er. "Und durch die vier Räder sind sie sogar stabiler".

Das sieht der ADAC anders: "Die Quads können nicht so schnell ausweichen wie ein Roller", sagt Grünewald. Auch dass noch keine Helmpflicht besteht, verursacht bei Experten Kopfschütteln. Erst im Herbst 2005 soll eine entsprechende Verordnung Gesetz werden.

Fahrlehrer Willi Schmitz aus Mönchengladbach würde sich ein Quad nur aus einem Grund anschaffen - Marketing. "Wenn ich damit durch die Stadt fahre, kann ich gut Werbung für meine Fahrschule machen", sagt er und lacht.

Ohne Knautschzone

Bei den Mini-Cars verläuft die Ablehnungsfront hingegen durch alle Lager: "Die sind wegen der fehlenden Knautschzone riskant", sagt Gerd Schramm. Kaum eine Fahrschule besitzt eines der rund 12.000 Euro teuren Fahrzeuge.

"Die S-Klasse wird sich über den Preis erledigen", glaubt Lothar Wittenberg vom NRW-Verkehrsministerium. Und wenn das begleitete Fahren mit 17 Jahren in NRW Gesetz wird (geplant bis Ende 2005), ergänzt er, dann werde wohl kaum noch einer ein Jahr früher Tausende Euro für S-Klasse-Führerschein und Mini-Auto ausgeben.

Dagegen spricht allerdings der Fun-Faktor einer Fahrt mit dem 45-km/h-Fahrzeug. "Im Sommer wird die Nachfrage steigen", glaubt Heinz-Günter Platen, Fahrlehrer aus Kamp-Lintfort. Und spätestens dann wird auch Kirsten Vogel ein Los-System für ihre Freundinnen einführen müssen. "Es kann ja leider nur einer mitfahren", sagt sie. Aber der erste Beifahrer ist sowieso die Mutter. "Die hat mich unterstützt. Sie fährt selbst Motorrad und kennt die Risiken. Jetzt ist sie froh, dass ich wenigstens vier Räder unter dem Sattel habe."

Teure Minis

Nach TÜV-Angaben müssen Prüflinge für die S-Klasse mindestens 14 Theorie- und sechs Fahrstunden absolvieren. Die Anforderungen sind weniger umfangreich als bei der bisher für die Kleinwagen notwendigen Klasse B (früher Klasse 3). 600 bis 1000 Euro kostet der Erwerb des Führerscheins, ab 2000 Euro aufwärts muss man für ein Quad bezahlen. Die so genannten Mini-Cars kosten im Schnitt 12.000 Euro.

Quelle: Rheinische Post

 
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