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  Foto: ddp

Navis ohne Orientierung: Warum Stau-Umfahren nicht lohnt

zuletzt aktualisiert: 16.07.2010 - 07:45

Duisburg (RPO). Am Wochenende bricht auf deutschen Straßen nach Einschätzung der Automobilclubs wieder das Chaos aus. 14 Bundesländer haben gleichzeitig Ferien. Tausende werden in Staus stehen. Häufig stellt sich die Frage: Lohnt es sich, die Blechlawinen zu umfahren?

Wer ein Navi an Bord hat, rechnet eigentlich damit eine gescheite Ausweichroute um einen Stau angeboten zu kommen. Nach Ansicht von Experten ist allerdings sehr oft das Gegenteil der Fall. Wer dem kleinen Lotsen folgt und abfährt, steckt erst recht im Schlamassel.

Vor der Urlaubs-Erholung kommt die Quälerei durch kilometerlange Staus. Plus die hitzigen Debatten mit dem Beifahrer. Soll man auf Staumeldungen in Radio und "Navi" reagieren und von der Autobahn abfahren? Oder lieber schicksalsergeben Kurs halten? Gut ausgebaute Fernstraßen schaffen schließlich etwa das Dreifache an Verkehrsaufkommen wie Umgehungsstraßen.

Für Stauforscher Michael Schreckenberg, Professor für Physik von Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen, gibt es nur eine Antwort: Durchhalten statt rausfahren. Das sei klüger und schneller als das Ausweichen auf Nebenstraßen. Ausnahme sei eine Vollsperrung. Dann sollte man so bald wie möglich runter von der Autobahn. "Das Umfahren lohnt sich unterm Strich nicht", kommt der Wissenschaftler zum Schluss. Fahren nur zehn Prozent der Autofahrer ab, sei jede Alternativroute schon nach kurzer Zeit ebenfalls dicht.

Klingt plausibel, hätten die meisten Autofahrer nicht einen digitalen Lotsen an Bord, der penetrant zum Abfahren auf die Landstraße rät. Hat ein hochmodernes Navigationsgerät nicht den besten Durchblick? Nein, je schlechter die Datenlage des Systems, desto schlechter seine Prognose, sind Experten des Münchner Autoclubs ADAC überzeugt.

Richtig in den Stau hinein

Wer sich auf sein Navi verlässt, steuert oft erst so richtig in den Stau hinein, wie ein Team von Redakteuren der ADAC-Mitgliederzeitschrift "Motorwelt" im Selbstversuch herausfand. Weil so viele der gut 20 Millionen Navi-Besitzer auf ihr schlaues Gerät hören, ist die empfohlene Ausweichroute dann garantiert dicht. Navis schafften oft erst die Stau-Probleme, die sie eigentlich mit ihren Ausweich-Empfehlungen lösen wollten, erklären die Experten.

Das Vertrauen in die Technik sollte sich in Grenzen halten, rät auch Wissenschaftler Schreckenberg: "Navis wollen ihren praktischen Wert beweisen, indem sie immer zum Umfahren raten." Doch darauf sei längst nicht immer Verlass. Die Datenlage der Geräte sei keinesfalls perfekt.

Von Stauwarnungen aus dem Radio solle sich grundsätzlich niemand verrückt machen lassen, sagt Alfred Fuhr, Leiter des Instituts für Verkehrssoziologie beim Autoclub AvD. Jede dritte Verkehrsmeldung des Rundfunks ist demnach schon überholt, wenn sie verlesen wird. Fast zwei Drittel der Navi-Nutzer haben nach einer repräsentativen ADAC-Umfrage auch schon einmal falsche, veraltete Staumeldungen von ihrem Gerät bekommen.

Trotzdem fährt fast die Hälfte der Autofahrer ratzfatz von der Autobahn ab, wenn ein Stau über Radio oder Navigationssystem gemeldet wird, hat Schreckenberg bei Untersuchungen herausgefunden.

Geduldig bleiben heißt siegen

Der Wissenschaftler nennt diese Gruppe die "Sensiblen". Wer zum Typ der "Taktierer" oder "Zocker" gehört, fährt dagegen unerschrocken aufs Stauende zu. Ihr Credo: Bis ich dort bin, hat sich das Ganze schon wieder aufgelöst. Und die "Konservativen" ignorieren Stau-Warnungen einfach. Zu ihnen gehört die kleine Untergruppe der "Stoiker", die nicht nur Staumeldungen in den Wind schlagen, sondern auch immer stur die gleiche Route zum Ziel fahren. Sie machen es offenbar richtig. Sie kommen jedenfalls am schnellsten an, hat der Wissenschaftler herausgefunden.

Sicher ist aber: Vor über zehn Jahren gab es in Deutschland nicht einmal halb so viele Staus wie heute. Verantwortlich sind dafür nicht nur die Navis, sondern unter anderem auch der ständig wachsende, europaweite Güterverkehr.

Die Fahrt in den Urlaub sollte lieber antizyklisch geplant sein, also nicht gerade an stark frequentierten Sommerwochenenden, empfiehlt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Stop-and-go-Fahrten bedeuteten immer Stress. Die meisten Unfälle passierten ausgerechnet dann, wenn ein Stau sich endlich auflöse.

Quelle: AP/kpl

 
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