Autobumser: Wer auffährt, hat Schuld?
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 26.04.2005 - 09:47Wuppertal (RP). Die Zahl der provozierten Verkehrsunfälle nimmt weiter zu. Experten schätzen, dass jeder zehnte Crash absichtlich herbeigeführt wird. Der Schaden, der den Versicherungen entsteht, geht in die Milliarden. Die dreisten Fallen der „Autobumser“.
Sebastian Höffner* fährt die Strecke zweimal täglich. Er kennt den Fußgängerüberweg an der Oberbergischen Straße. Dort müssen die Autofahrer nur selten anhalten. „An jenem Nachmittag war weit und breit niemand zu sehen“, sagt Sebastian Höffner. „Der Idiot hat ohne Grund voll auf die Bremse getreten.“
Der „Idiot“ ist der Taxifahrer Josef G.. Der 52-Jährige behauptet, er habe eine Mutter mit zwei kleinen Kindern am Straßenrand gesehen. „Es sah so aus, als ob die auf die Fahrbahn laufen würden“, behauptet der Taxifahrer. Wer auffährt, hat Schuld. Die Polizei brummt Höffner ein Verwarngeld auf. Der Fall scheint klar zu sein.
Zwei Milliarden Euro Schaden
Experten schätzen, dass bereits jeder zehnte Unfall von Versicherungsbetrügern provoziert wird. „Autobumser“, heißen die Verursacher im Polizeijargon. „Der Schaden, der durch manipulierte Unfälle verursacht wird, beträgt pro Jahr zirka zwei Milliarden Euro“, erklärt Ralf König, Oberkommissar bei der Polizei in Wuppertal.
Ralf König ist der Fachmann bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen, wenn es um Autobumser geht. Der Oberkommissar hat das Lehrbuch „Der manipulierte Verkehrsunfall“ geschrieben und führt am Institut für Aus- und Fortbildung in Neuss Schulungen durch. „Der provozierte Unfall ist keineswegs ein Kavaliersdelikt“, sagt der 40-Jährige. „Es handelt sich um einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und somit um einen Verbrechenstatbestand.“
Trotz der hohen Strafandrohung (Freiheitsstrafe zwischen einem und zehn Jahren) hat sich das „Autobumsen“ zu einem Volkssport entwickelt. „Manche Täter verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit“, weiß König. „Oft handelt es sich um Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger, die finanziell in der Klemme stecken.“
Das Risiko, erwischt zu werden, hält sich bislang in Grenzen. „Der Datenschutz verbietet es uns, die Daten von Unfallbeteiligten zentral zu registrieren und abzugleichen“, sagt König. Von den 60 Polizeibehörden in NRW leisten sich nur wenige spezielle Crash-Ermittler. In der Regel verschwinden die Unfallberichte unbearbeitet in den Aktenordnern.
Windige Gutachter spielen den Betrügern in die Hände. In ihren Expertisen treiben sie die Schadensumme in die Höhe. Das nützt den Betrügern - und den Gutachtern selbst. Je höher der Schaden, um so mehr kann für das Gutachten abgerechnet werden.
Versicherer speichern Daten
Voraussetzung für den Versicherungsbetrug durch Unfallmanipulation ist eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 23. März 1976. Es verpflichtet die Versicherer dazu, Schadenregulierungen auf der Grundlage eines eingereichten Gutachtens (fiktive Schadenabrechnung) durchzuführen.
„Autobumser“ geraten in der Regel erst dann ins Visier der Ermittler, wenn sie es zu oft mit der selben Versicherung zu tun haben. Anders als bei der Polizei werden die Unfalldaten bei den Versicherern gespeichert. Bei einem Abgleich kommen oft erstaunliche Details ans Licht.
„Viele Täter haben sich auf eine Masche spezialisiert“, sagt Ralf König. „Wir hatten einen Täter, der 35 Unfälle beim Einfädeln vor einem Hindernis provoziert hat. Er betätigte die Lichthupe, um den Eindruck zu erwecken, den späteren Unfallgegner in sein Spur lassen zu wollen. Dann gab er Gas - und es krachte.“
Lukrativ: Die Mietwagen-Masche
Banden, deren Mitglieder oft aus Südosteuropa stammen, haben sich auf abgesprochene Unfälle spezialisiert. „Häufig werden Leihwagen angemietet, die vollkaskoversichert sind“, weiß König. „Der Mietwagen rammt in der Regel eine Luxuslimousine - um einen möglichst hohen Auszahlungsbetrag kassieren zu können.“ Die Schäden werden dann in Hinterhofwerkstätten repariert. Oft nur notdürftig - eben gut genug, um bis zum nächsten Unfall fahrbereit zu sein.
Die Dreistigkeit der „Autobumser“ erstaunt die Ermittler immer wieder. Zeugen beobachteten einen 19-jährigen Wuppertaler, der an einer Firmenzufahrt einen „Rechts-Vor-Links-Unfall“ provozieren wollte. Er benötigte drei Versuche, ehe er schließlich den Wagen einer 25-Jährigen traf.
Sebastian Höffner weigerte sich hartnäckig, nach dem Unfall am Fußgängerüberweg das Verwarngeld zu zahlen. Die Polizei nahm in dem Fall Ermittlungen auf. Ergebnis: Der Taxifahrer Josef G. war nicht zum ersten Mal in einen mysteriösen Unfall verwickelt. Schon 121 Opfer waren ihm nach einem unerwarteten Bremsmanöver in den Kofferraum gerauscht.
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