Hückeswagen: Omaphine und Erich Kästner
VON NORBERT BANGERT - zuletzt aktualisiert: 22.12.2006 - 16:21Hückeswagen (RPO). Agnes Kober und ihr Bruder Gerd Jansen hängen an den Dingen, die sie als Kinder zu Weihnachten geschenkt bekamen. Darunter sind eine Puppe und der Kinderbuch-Klassiker „Das fliegende Klassenzimmer”.
Schon nachmittags werden Agnes und Gerd ins Bett geschickt, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Aufgeregt toben sie am Heiligen Abend 1946 durch ihr kleines Zimmer. Was das Christkind wohl bringen wird? Agnes guckt durchs Schlüsselloch. Doch Mutter hat es vorausschauend mit einem Laken verhangen. Dann geht endlich die Tür auf, die Geschwister marschieren im Gänsemarsch in die vier mal fünf Meter messende Wohnstube. Ihr Blick fällt auf den großen Gabentisch, dann auf den Weihnachtsbaum. Die Augen der Jansen-Geschwister werden immer größer. Da liegen Apfelsinen, so etwas hatten sie noch nie zuvor gesehen Weihnachten 1946. Staunend betrachten die beiden die Krippe. War es Zufall, dass der Mann von Maria Josef hieß, so wie das Brüderchen, das fünf Wochen zuvor geboren wurde? Dann fällt ihr Blick auf die Geschenke auf dem Tisch.
Dank an Tante Trautchen
Zurück in die Gegenwart: Nachdenklich aber mit einem Gefühl guter Erinnerungen betrachtet Agnes Kober die kleine Puppe „Omaphine” die einmal „Josephine” hieß. Die Brüder, vier waren es am Ende, hatten sie geärgert und die Puppe umgetauft. Omaphine war hässlich, Agnes mochte sie zuerst nicht. „Ich hätte es aber nicht ansatzweise gewagt, mich zu beschweren. Nein, ich habe mich natürlich bei Tante Trautchen bedankt”, erzählt sie. Tante Trautchen arbeitete in einer Puppenfabrik und hatte sie in mühevoller Handarbeit hergerichtet.
Die Familie Jansen lebte damals in Wattenscheid in einem Mehrfamilienhaus mit Toiletten und fließendem Wasser auf dem Flur. „Wir hatten Glück im Sommer 1945, als wir nach dem Krieg zurück nach Hause gekommen sind. Es war das einzige nicht zerstörte Haus. Nur die Fenster waren mit Brettern zugenagelt”, erinnert sich Agnes Kober an die Erzählungen der Eltern.
Irgendwann hat sie ihre Puppe „Omafine” übrigens lieben gelernt. Auf zahlreichen Lebensstationen war sie mit dabei, bis sie schließlich 1974 mit nach Hückeswagen kam.
Und ihr Bruder Gerd Jansen? Er erinnert sich nicht mehr genau an Weihnachten 1946, dafür umso mehr an 1950. Da war er elf Jahre alt und kam aufs Gymnasium. Auf dem Gabentisch lag das Buch „Das fliegende Klassenzimmer” von Erich Kästner. „Ich lese bis heute unheimlich gerne”, sagt Jansen. Und: „Heute habe ich zwei Verfilmungen dieses Buches in meiner privaten Videothek.” Gerd Jansen hängt an den alten Dingen und Erinnerungen, die damit verbunden sind. Im „fliegenden Klassenzimmer” manifestiert sich seine Familiengeschichte. Tante Trautchen hat „Weihnachten 1950” reingeschrieben, die Mutter den Namen ihres Sohnes und Gerd selbst schließlich seine Adresse in Sütterlin, denn er war stolz, dass er das gelernt hatte.
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