Hückeswagen: Schüler schlichten mit Vertrag
VON SEMIHA ÜNLÜ - zuletzt aktualisiert: 17.02.2010Hückeswagen (RPO). An der Realschule schreiten nicht Lehrer bei Reibereien und Streitigkeiten unter Schülern ein. 25 Schüler vermitteln als ausgebildete "Streitschlichter". Und bei ihnen unterschreiben die Streithähne am Ende sogar Friedensverträge.
Schubsereien während der Pausen, Bücher von Mitschülern, die kurz vor Unterrichtsbeginn auf den Boden geworfen werden oder auch handfestes Gerangel: Bei gut 550 Schülern sind Alltagskonflikte programmiert. An der Kölner Straße setzt die Realschule in solchen Fällen auf das Konzept "Schüler helfen Schülern". Zurzeit sind knapp 25 Neunt- und Zehntklässler als "Streitschlichter" im Einsatz, um bei Problemen zu vermitteln.
An ihren ersten Fall als Schiedsrichterin kann sich Pia Weidlich (16) noch genau erinnern: "Ältere Schüler hatten eine Gruppe von Sechstklässlern während der großen Pause bespuckt." Nach der Ausbildung zur Streitschlichterin wusste sie, was zu tun war: "Wir haben das direkt auf dem Schulhof geklärt." Dabei setzte sie auf ein bewährtes Rezept: "Es ist sehr gemein und ekelig, andere Schüler zu bespucken. Ich habe den Spuckern dabei geholfen, sich in die andere Person hineinzuversetzen."
Streitschlichter werden
Auswahl Lehrer sprechen Achtklässler an, die mit Zuverlässigkeit, Disziplin und Sozialkompetenz aufgefallen sind.
Theorie Die Ausbildung dauert ein halbes Jahr. Im Mittelpunkt stehen die Förderung der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit sowie das Erlernen von konstruktiven Problemlösungsstrategien. In Rollenspielen nehmen die Auszubildenden etwa die Rolle als Streitschlichter oder Streithahn an.
Praxis Die "Schiedsrichter" stehen in den Pausen für Gespräche mit anderen Schülern bereit.
Friedensvertrag nach der Fehde
Der Rollentausch ist ein wichtiges Mittel, um Streitigkeiten zu klären. "Ich fand im Gespräch heraus, dass die älteren Schülern sehr genervt von den jüngeren waren. Dennoch war das Verhalten nicht richtig." Ein Kompromiss wurde schnell gefunden. "Sie sollten sich einfach aus dem Weg gehen", sagt die 16-Jährige, "das hilft schon". Besiegelt wurde die kleine Fehde mit einem Friedensvertrag. "Darin halten wir fest, worum es bei dem Streit ging und wie man sich geeinigt hat." Auch die Namen der Betroffenen werden auf dem Formular festgehalten. Und am Ende müssen die Streithähne den Friedensvertrag auch unterschreiben, um sich über die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit und die Konsequenzen beim Bruch des Vertrags im Klaren zu sein. "Wir treffen uns dann noch einmal und prüfen, ob beide Parteien den Vertrag eingehalten haben." Alles wird aber diskret behandelt. "Wir behalten alles für uns, und die Mitschüler nehmen auch deswegen unsere Hilfe gerne an."
Als Achtklässlerin nahm Pia an dem Streitschlichter-Programm teil. "Das machen unsere Schüler freiwillig und nach dem Unterricht", erklärt Edith Dudziak-Feldhoff, die das Projekt an der Schule betreut. Bei der Vorbereitung lernen die Schüler, behutsam nach Ursachen eines Konflikts zu fragen und eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. "Im Rollentausch bereiten wir die Schüler auf diese Situationen vor", erklärt die Lehrerin. Eine Kamera hält die Vorbereitungsphase fest: "Wir besprechen dann, ob Mimik, Gestik oder auch die Wortwahl gut gewählt waren."
Erst nachdenken, dann reden
Dabei hat Annalena Gaßmann (15) etwas Wichtiges über sich herausgefunden: "Es ist gut, erst einmal Ruhe zu bewahren und dann zu sprechen. Das hilft auch außerhalb der Schule, etwa beim Streit mit dem eigenen Bruder", sagt die Neuntklässlerin. Die Lehrerin ist vom Sinn des Projekts überzeugt: "Die Schüler lernen, Streitereien friedlich zu klären, Verständnis für andere Menschen zu haben und Verantwortung zu übernehmen."
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