Leichlingen: In die Wupper abgeseilt
VON STEPHANIE LICHIUS-ENGELS - zuletzt aktualisiert: 08.09.2010Leichlingen (RPO). Die Schüler der siebten Klassen einiger Leichlinger Schulen sammelten gestern Grenzerfahrungen, damit sie stark genug werden, um bei Drogen und Alkohol nicht schwach zu werden. Eine Schülerin ging dabei baden.
Am Ende schaffte es Zoi Venetidou doch nicht mehr trockenen Fußes ans Ufer – beim Ausstieg aus dem Kanu verlor die Zwölfjährige das Gleichgewicht, stürzte in die kalte Wupper. Zuvor war sie – gemeinsam mit ihren Schulkameradinnen Kim Schäfer und Milena Richartz (beide 12) an einer wackeligen Hängeleiter von der Leichlinger Maly-Brücke geklettert, in das Kanu eingestiegen und hatte sich mit ihren Freundinnen an einem Seil ans Ufer gezogen.
Die siebten Klassen der Realschule machten gestern im Zuge der Suchtprävention Grenzerfahrungen. Dass diese Grenzerfahrung auch mal so nasskalt werden kann wie bei Zoi, blieb glücklicherweise die Ausnahme. An vier Stationen lernten die Schüler mit Unterstützung von Erlebnispädagogen und Schulsozialarbeitern wie Klaus Luther Teamfähigkeit, wie man sich in bestimmten Situationen fühlt, über seinen Schatten springen kann und vor allem, wie andere sich fühlen.
Erlebnispädagogik
Bei der Erlebnispädagogik werden Persönlichkeits- und Selbstbewusstseinsentwicklung sowie eine konstruktive Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit gefördert. Die Teilnehmer sollen sich selbst als wertvoll und einzigartig erleben, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln und lernen, aufeinander zu achten.
Im Gleichgewicht bleiben
"Empathie ist ganz wichtig", sagt der 50-jährige Luther. "Wenn man sich in andere hineinversetzen kann, dann ist das schon die halbe Miete. Ein Beispiel: Wenn ich irgendwann mal vor 'ner Frau stehe und total aufgeregt bin und mich am liebsten betrinken würde, dann kann ich mich zurückerinnern an die Situation auf der Brücke, wo ich genauso aufgeregt war und dass ich das damals auch so geschafft habe. Ohne Alkohol. Das ist doch toll."
Der Mensch versuche eben immer, im Gleichgewicht zu bleiben. "Läuft es im Privaten nicht so toll, muss es im Job dafür umso besser laufen – und umgekehrt", erklärt Luther. "Wenn das nicht klappt, versuchen einige, sich die guten Gefühle über Drogen zu holen. Empathische Menschen sind weniger gefährdet." Auch Kooperationsfähigkeit, realistische Selbsteinschätzung, Körperbewusstsein und Teambildung sind Ziele des Suchtpäventions-Erlebnis-Tages. Denn: "Der erhobene Zeigefinger und mahnende Worte funktionieren nur bis zu einem bestimmten Punkt", weiß Pädagoge Luther aus Erfahrung.
Aron Ohle (12) und Kumpel Leon Zelter (13) jedenfalls haben schnell erkannt, wobei es bei dem ganzen Geturne und Geklettere wirklich geht: "Wir lernen, dass es auch noch was anderes als zocken, chillen oder rauchen gibt", erklären die beiden. "Und es macht echt Spaß. Außerdem fördert die Aktion die Gemeinschaft in der Klasse." Da können Milena und Zoi nur zustimmen. "Wir müssen uns auch auf die Schüler verlassen, die wir nicht so mögen. So werden die aber besser integriert."
In jeder Klasse gebe es immer ein oder zwei Schüler mit Höhenangst, berichtet Luther. "Aber wir zwingen niemanden, mitzumachen. Wir motivieren, so gut wir können."
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