Bayer Leverkusen: Blockierte Zahnräder
VON STEFAN KLÜTTERMANN - zuletzt aktualisiert: 13.09.2010In der Vorsaison war Bayers Abwehr mit nur 38 Gegentreffern noch eine Trumpfkarte. In den ersten drei Bundesligapartien der neuen Spielzeit offenbarten sich dagegen Defensivprobleme gleich an vielen Stellen.
Irgendwie herrschte in dieser Szene verkehrte Welt auf dem Hannoveraner Rasen: Routinier Sami Hyypiä (36) raufte sich höchst verärgert das eigene Haupthaar, um sich Sekunden später vom 13 Jahre jüngeren Arturo Vidal aufmuntern lassen zu müssen.
Hyypiäs vorangegangener Fehler, als er einen eigentlich schon sicheren Ball 96-Stürmer Didier Ya Konan mustergültig zum 0:1 vorlegte, taugt als Sinnbild für einen Missstand, der sich bei Bayer spätestens nach diesem dritten Spieltag offenbart: ein Defensivproblem.
In der abgelaufenen Saison glich die Leverkusener Defensivorganisation einem Bollwerk: Nur 38 Treffer in 34 Ligaspielen ließ Bayer zu, spielte zwölfmal zu Null. Die Gründe dafür griffen wie einzelne Zahnräder ineinander: Hyypiä verlieh den jungen Mitspielern Ruhe und Sicherheit und sah selbst in den meisten Partien gut aus, weil er durch Stellungsspiel seine Schnelligkeitsdefizite ausglich und von seinen Nebenleuten nur selten in die Verlegenheit eines Laufduells geschickt wurde.
Erfolglos
Bilanz: Hannover siegte in 23 Bundesligaduellen gegen Leverkusen nur viermal.
Premiere: Nach 165 Bundesligaminuten in dieser Saison gab Michael Ballack in Hannover seinen ersten Torschuss ab.
Serienende: Hannover musste sich nach vier Siegen in Serie in der Bundesliga mal wieder mit einem Remis begnügen.
Maßgeblichen Anteil am Tore-Verhindern besaß auch die Doppelsechs aus Stefan Reinartz und Arturo Vidal, die im Mittelfeld vieles abräumte und den Innenverteidigern Arbeit abnahm, die sonst auf diese zugekommen wäre. Jetzt, in dieser noch jungen Saison, greifen die Zahnräder nicht mehr. Erstens häufen sich individuelle Fehler wie die von Hyypiä und Friedrich (vor Hannovers 2:0), von Vidal vor Gladbachs Führungstreffer in der Vorwoche – um nur einige zu nennen. Zweitens funktioniert der Katalysator "Doppel-Sechs" nicht mehr in der Weise, dass er die Wucht gegnerischer Angriffe dämpft.
Trainer Jupp Heynckes reagierte auf die ungewohnten Schwächen mit wiederholten Umstellungen. Gegen Hannover durfte Friedrich erstmals in der Saison neben Hyypiä ran – eine Empfehlung für weitere Einsätze gab er nicht ab. Hyypiä wurde von Heynckes ausgewechselt. "Er wird sich sicher etwas dabei gedacht haben. Für mich ist das kein Problem", sagte der Finne später. Beim Test in Wuppertal durfte Daniel Schwaab als Innenverteidiger ran – wohl der Versuch, eine Alternative zu besitzen, die Schnelligkeit im Portfolio hat.
Ironie des Schicksals: Durch Michael Ballacks neue Verletzung könnte Heynckes zur Defensivbesetzung des Vorjahres zurückkehren. Heißt: Stefan Reinartz wieder vorziehen. Der saß in Hannover auf der Bank, obwohl sein Trainer vor der Saison erklärt hatte, "der Stefan ist sowieso immer gesetzt."
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