Bayer Leverkusen: Renatos Physio im Praktikum
VON STEFAN KLÜTTERMANN - zuletzt aktualisiert: 09.02.2011Daniel Jouvin, Reha-Spezialist von Flamengo Rio de Janeiro und Vertrauter Renato Augustos, hospitiert derzeit bei Bayer 04. Der Besuch legt den Fokus auf das sensible Thema des "Behandlungs-Tourismus" im Profifußball.
In Brasilien eilt Daniel Jouvin der Ruf voraus, der beste Fitnesstrainer und Physiotherapeut im Lande zu sein. José Luís Runco, der Arzt des Nationalteams, kennt ihn aus gemeinsamer Tätigkeit bei Flamengo Rio de Janeiro und hält große Stücke auf ihn.
Die zuletzt mit unwürdigem Übergewicht gealterten Stars Ronaldo und Adriano ließen sich von ihm fit machen. Und Renato Augusto vertraut ihm vollends. Jetzt ist Jouvin in Deutschland. Er hospitiert noch bis Mitte Februar bei Bayer 04.
Er sei begeistert vom Mitte 2010 eröffneten neuen Trainingszentrum in der dritten Etage der BayArena, heißt es aus Jouvins privatem Umfeld. Er wolle hier lernen, suche nach elf Jahren bei Flamengo eine neue Herausforderung. Wobei auf der offiziellen Homepage des brasilianischen Clubs zum Jahreswechsel gar vermeldet wurde, Bayer habe Jouvin verpflichtet. Dem sei nicht so, heißt es aus Bayer-04-Kreisen.
Renato jubelt doppelt
Geburtstag Am Dienstag feierte Renato Augusto seinen 23. Geburtstag.
Premiere Mittwoch spielt Bayers Brasilianer im Trikot der brasilianischen A-Nationalmannschaft. In Paris trifft die Selecao – nur mit Profis aus Europa – um 20 Uhr im Stade de France auf Gastgeber Frankreich.
Deswegen arbeite der "Praktikant" auch nicht im "Allerheiligsten", den Räumen, die sich an den Kabinentrakt in den Katakomben anschließen, und auch nicht mit der gesamten Mannschaft. Jouvin kümmert sich offenbar nur um Renato Augusto und verbringt seine Tage nur im Trainingszentrum.
Renato ist das Bindeglied zwischen Bayer und Jouvin. Als Leverkusens Techniker sich Ende September im Abschlusstraining vor dem Europa-League-Spiel in Madrid bei einem Jux-Auftritt als Torwart ein Innenband im Knie lädiert hatte und sich die Rückkehr auf den Platz verzögerte, flog er für zwei Wochen nach Rio zu Jouvin und kehrte putzmunter zurück. Spätestens da wollte Bayer genauer hinschauen auf dessen Wundermethoden und schickte einen Mitarbeiter zu ihm, der die Behandlungsabläufe mit der Videokamera dokumentierte. "Brasilien hat die besten Fitness-Profis und Physiotherapeuten der Welt", teilte Jouvin auf Flamengos Internetseite mit. Was fehle, sei die Anerkennung in anderen Ländern, vor allem in Europa.
An diesem Punkt kommt das Sensible, das Heikle in die Thematik dieses Praktikums. Zwar hatte Jupp Heynckes im Herbst großzügig erklärt, die Behandlung in der Heimat sei "ganz wichtig für einen Brasilianer". Aber klar ist auch, dass es der ligaweit anerkannten medizinischen Abteilung des Werksclub jedes Mal wie ein kleiner Affront vorkommen muss, wenn erst die Bestätigung eines externen Experten für einen Leverkusener Profi Gewissheit über die erste Diagnose bedeutet.
Dieses Vorgehen beschränkt sich aber beileibe nicht auf Sambakünstler vom Zuckerhut. Als René Adler sich Anfang Dezember in Trondheim einen Hexenschuss zuzog, flog er sofort nach München, um sich von Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt die Diagnose der Bayer-Ärzte bestätigen zu lassen. Gleiches tat Eren Derdiyok mit einem simplen Muskelfaserriss einen Monat zuvor. Das Verlangen nach einer "Zweiten Meinung" füllt so die Kassen der Fluggesellschaften.
Wie es mit Jouvin weitergeht, ist unbekannt. Ginge es nach Renato, würde er bleiben. Aus seiner Sicht ist er schließlich der Beste.
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