Leverkusen: Auf Zeitreise
zuletzt aktualisiert: 05.02.2010Leverkusen (RPO). Stadtarchivar Uwe Boelken bietet auf Anfrage ab sofort samstags Führungen durch die Leichlinger und Witzheldener Geschichte an.
Wie entstand die Idee zu den historischen Führungen?
Boelken Der ehemalige Hauptamtsleiter Joachim Köhler hat schon früher solche Rundgänge angeboten. Beim Bürgerfest 2006, als es erstmals auch einen Historischen Handwerkermarkt gab, haben Stadtsprecherin Ute Gerhards und ich dies aufgegriffen. Die Resonanz war gleich sehr groß. Es meldeten sich drei Gruppen mit jeweils 30 bis 40 Leuten.
Bei den neuerdings angebotenen Samstagsführungen ist die Teilnehmerzahl auf 25 begrenzt. Gibt es auch eine Mindestzahl für Anmeldungen?
Boelken Etwa zehn Personen sollten sich schon zusammenfinden. Eine klassische Zielgruppe gibt es übrigens nicht, die Interessenten kommen aus allen Altersstufen. Wenn Kinder dabei sind, versuche ich sie einzubinden und lasse sie ihre eigenen Gedanken äußern. Dafür reduziere ich die Fülle der Informationen, nenne zum Beispiel weniger Jahreszahlen.
Fakten zu Führungen
Dauer ca. anderthalb Stunden, individuelle Vereinbarungen möglich
Termine in der Regel samstags, nach Absprache mit dem Stadtarchiv
Kontakt Tel. 02175 992-229 oder stadtarchiv@leichlingen.de
Kosten 60 Euro pro Führung
Welche Orte können besucht werden?
Boelken Eine historische Wanderung quer durch Leichlingen und Witzhelden ist problematisch, weil die Sehenswürdigkeiten weit auseinander liegen. Ich konzentriere mich deshalb auf die Ortskerne, entweder auf den in Leichlingen, oder eben auf den in Witzhelden. In Leichlingen beginnt die Führung in der Regel im Brückerfeld, wo ich etwas zur Industriegeschichte und den früheren Firmen Simons&Frowein sowie Müller-Wipperfürth sage. Dann geht's weiter über die Brückenstraße als älteste Geschäftsstraße Leichlingens, ins ehemalige Bräuhausviertel an der Marktstraße, durch den Denkmalbereich an der Mittelstraße und später zurück zum Rathaus. Wichtige Stationen sind außerdem die beiden Kirchen, das Bürgerhaus, Schloss Eicherhof und die Adler-Apotheke an der Gartenstraße.
Ein Abstecher nach Haus Vorst ist nicht drin?
Boelken Haus Vorst ist in Privatbesitz, da empfiehlt sich vielleicht eine persönliche Absprache mit der Familie Albanus. Aber beim nächsten Tag des offenen Denkmals am 12. September 2010 spielt Haus Vorst eine große Rolle, wenn es um das Thema "Freiherren, Fürsten, Fabrikanten" geht. Geplant ist eine Ausstellung zur Geschichte von Haus Vorst, Burgherr Albanus wird etwas zum Maler Werner Peiner erzählen, während ich die Bau- und Siedlungsgeschichte darstelle und Denkmalfragen behandele.
Welche Schwerpunkte gibt es in Witzhelden?
Boelken Da ist der historische Marktplatz mit den denkmalgeschützten Häusern von besonderem Interesse, dann natürlich die evangelische Kirche innen und außen, zudem Denkmäler wie das ehemals freiadelige Haus in Bechhausen.
Müssen die Teilnehmer Ihrer Führungen gut zu Fuß sein?
Boelken Nein, denn es geht um verhältnismäßig kleine Bezirke. In der Regel dauert eine Führung anderthalb bis zwei Stunden, aber es ist möglich, sie zu verkürzen. Das habe ich erst neulich mit einer Gruppe aus Wiescheid so vereinbart, weil die Teilnehmer danach noch zu Fuß nach Hause gehen wollten.
Wie bereiten Sie sich auf die Exkursionen vor?
Boelken Im Prinzip gar nicht. Die Fakten habe ich im Kopf. Und bis jetzt hat es nur einmal Widerspruch gegeben: als es um die Zahl der jüdischen Einwohner in Leichlingen während der NS-Zeit ging. Aus der Gruppe wurde die Meinung geäußert, dass es mehrere waren. Verbürgt ist aber nur die Kolonialwarenhändlerin Paula Flügel, die das Dritte Reich weitgehend unbeschadet überstanden hat.
Wie weit gehen Sie bei Ihren Erläuterungen zurück in der Geschichte?
Boelken Leichlingen ist 973 erstmals urkundlich erwähnt worden, also gibt es da schon Bezüge, die bis ins 10./11. Jahrhundert zurückreichen. Im vergangenen Frühjahr sind auf einem Witzheldener Acker sogar mittelsteinzeitliche Werkzeugreste entdeckt worden. Die nehme ich manchmal als Anschauungsobjekte mit – ebenso wie Abzüge von einem im zweiten Weltkrieg leider vernichteten Ölgemälde, das die evangelische Kirche Marktstraße und eine alte Holzbrücke über die Wupper zeigt, etwa im Jahr 1763.
Haben Sie selbst eine Lieblingsgeschichte oder -persönlichkeit aus der Leichlinger Historie?
Boelken Interessant in der evangelischen Kirchengeschichte ist die Pfarrer- und Lehrerfamilie Hartmann, die im 17./18. Jahrhundert hier lebte. Theodor Hartmann war 1753 bis 1756 der Bauherr der jetzigen Kirche, ein strenger Mann aus einem pietistischen Zirkel. Sein Großonkel, der Lehrer Peter Hartmann, hatte ein Alkoholproblem. 1678 war er seinen Posten los – weil er für die Jugend auf der Kirchenorgel zum Tanz aufgespielt hatte . . .
Stefan Schneider führte das Gespräch.
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