Leverkusen: Bayer: Proteste in der Belegschaft
VON PETER KORN UND STEPHANIE LICHIUS-ENGELS - zuletzt aktualisiert: 25.11.2010Leverkusen (RPO). Rund 1700 Mitarbeiter – in etwa so viele, wie der Konzern bis Ende 2012 bundesweit an Stellen abbauen will – verfolgten am Mittwoch im Chempark die Bayer-Betriebsversammlung. Und ein Teil zeigte der Konzernspitze die Rote Karte.
Mit Reisebussen
Mit Reisebussen wurden Bayer-Kollegen, die an der Betriebsversammlung teilnehmen wollten, von verschiedenen Orten zum Versammlungsort gebracht: So verkehrten Busse aus Bürrig, Flittard, dem Monheimer Tropicarium und der Seilerei in Köln. An andere Standorte wie etwa Krefeld-Uerdingen oder Dormagen wurde die Veranstaltung per Video übertragen.
Im Gebäude H 4 im Chempark ist normalerweise das Mitarbeiterrestaurant untergebracht. Die Nachrichten, die den Teilnehmern der Bayer-Betriebsversammlung gestern dort serviert wurden, empfanden viele jedoch als reichlich unverdaulich.
Die Konzernspitze hatte in der vergangenen Woche angekündigt, allein in Deutschland bis Ende 2012 rund 1700 Arbeitsplätze abbauen zu wollen. Und gestern äußerte sich Bayer-Vorstandschef Dr. Marijn Dekkers den Mitarbeitern gegenüber dazu.
Aus der Belegschaft gab es schon im Vorfeld der Veranstaltung jede Menge kritische Stimmen: "Wir erwarten, dass wir mehr Antworten bekommen als bei der letzten Betriebsversammlung", sagte etwa Janina Pakosch. Die 26-Jährige hat bisher zwar keine Angst um ihren eigenen Job, kann aber die Furcht etwa von Leiharbeitern bei Bayer Business Services gut verstehen. "Aus Solidarität" gehe sie zur Versammlung, erklärte sie. "Aber auch, weil man nie weiß, was noch kommt und ob nicht doch noch weitere Sparten betroffen sind."
Rote Karte gezeigt
Ihre Kollegen Peter Winter (45) und Cornelia Dumdey (49) können sich nicht vorstellen, wo es überhaupt Spielraum für Einsparungen geben soll: "Wir sind doch schon kleingeschrumpft worden", sagten sie, alle arbeiteten am Limit: "Ein weiterer Abbau geht einfach nicht."
Auch die Zahl der Erkrankungen würde immer weiter zunehmen – eine logische Konsequenz einer zu hohen Belastung jedes Einzelnen, so die einhellige Meinung der befragten Bayer-Mitarbeiter. Auch wenn sie selbst nicht davon ausgehen, vom Stellenabbau betroffen zu sein, ist ihnen der drohende Verlust lieb gewonnener Kollegen alles andere als egal. Winter: "Wir haben Kollegen, die sind seit mehr als drei Jahren in unserem Leiharbeiter-Pool. Die gehören einfach dazu."
Thomas Mayer (43) wurde gestern auf dem Weg zur Betriebsversammlung ganz deutlich: "Kürzungen sind nicht drin", sagte der Bayer-Beschäftigte kategorisch. Es sei doch schon dermaßen gespart worden, dass im Grunde jetzt schon zu wenig Leute vorhanden seien. Wie man die Arbeit mit noch weniger Personal schaffen solle, "das ist mir ein Rätsel".
Nur einige Stimmen von rund 1700 Teilnehmern der gestrigen Betriebsversammlung – etwa so viele, wie bundesweit Stellen wegfallen sollen –, aber sie brachten Besorgnisse auf den Punkt, wie sie in der Belegschaft zurzeit geäußert werden. Etwa 1000 Personen erlebten die Veranstaltung im Saal, hunderte weitere verfolgten sie per Video im Raum darüber.
Die Ausführungen blieben nicht ohne Protest-Reaktionen. Unter anderem, so war aus Belegschaftskreisen zu erfahren, hätten Kollegen reihenweise Flugblätter in Form von roten Karten gezückt, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. "Die anstehenden Maßnahmen gehen auf Kosten deutscher Arbeitsplätze", stand darauf zu lesen: "Aufbau findet hier nicht statt."
Bayer selbst wollte sich zu der Versammlung nicht äußern. Ein Sprecher verwies darauf, dies sei eine Veranstaltung des Betriebsrats. Der gab gestern unserer Zeitung gegenüber ebenfalls keine Stellungnahme ab.
Dafür soll Teilnehmern zufolge in der Diskussion im Anschluss an die Dekkers-Rede gleich mehrfach die Besorgnis geäußert worden sein: Bleibt es bei diesem Einschnitt, oder folgen womöglich noch weitere? Ein Bayer-Mitarbeiter formulierte es so: "Wer einen Konzern wie Bayer führt, sollte seine Belegschaft mitnehmen. Diesen Eindruck ist Herr Dekkers in der Betriebsversammlung schuldig geblieben."
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