Leverkusen: Birnen-Wechsel am Kreuz
VON TOBIAS KRELL - zuletzt aktualisiert: 14.02.2008Leverkusen (RPO). Mindestens vier Mal im Jahr rücken Arbeiter einer Fachfirma dem Bayer-Kreuz zu Leibe, um die defekten unter den 1710 40-Watt-Birnen auszutauschen. Dann geht’s im Korb weit nach oben – kein Job für Leute mit Höhenangst.
Eine feine Eisschicht bedeckt das Dach des Gebäudes B9 – im Werksdeutsch „Bertha 9“ genannt. Bei der Fortbewegung aufdiesem Untergrund ist höchste Vorsicht geboten. Und doch herrscht an diesem Morgen einiger Betrieb hier. Der Grund dafür ragt auch aus dem 35 Meter über dem Erdboden gelegenen Standpunkt noch deutlich empor. Am aus dieser Perspektive riesig erscheinenden Bayer-Kreuz wechseln Arbeiter gerade die lädierten Birnen aus. Rund 100 sollen es diesmal sein. Damit die defekten Exemplare auch im Hellen zu erkennen sind, orientieren sich die Arbeiter dabei mit einem bei Dunkelheit aufgenommenen Leuchtbild.
51 Meter Durchmesser
Das aktuelle Bayer-Kreuz wurde 1958 errichtet. Es hat einen Durchmesser von 51 und einen Kreisumfang von 160 Metern. Die einzelnen Buchstaben sind sieben, die beiden Masten (über Gelände) 120 Meter hoch.
Die Masten sind 57 Meter von einander entfernt und beide von innen begehbar. Sie haben einen Durchmesser von 1,2 Metern. Das Bayerkreuz wiegt 300 Tonnen.
Nichts für Leute mit Höhenangst
Um dem Duo besser bei der Arbeit zusehen zu können, ist ein Standortwechsel nötig. Über einige Stufen geht es noch einmal ein gutes Stück hinauf auf die Brücke unterhalb des Leverkusener Wahrzeichens. Von diesem Gang sei Menschen mit Höhenangst dringend abgeraten. Es geht ganz schön tief hinab. Dafür entschädigt der Ausblick für alles. Obwohl es an diesem Morgen etwas diesig ist, lässt sich weit blicken. Und im Osten ist noch der Rest des Sonnenaufgangs zu sehen. Er hat sich in Form eines feinen Scheins in Orange- und Rottönen am Horizont gehalten. Von der befürchteten Kälte ist wenig zu spüren. „Das liegt daran, dass es fast windstill ist“, erklärt Kai-Uwe Thorn und deutet auf den schlaff herunterhängenden Windsack. Bei Currenta (der ehemaligen Bayer Industry Services) ist er als Betriebsleiter Hauptverantwortlicher für das 51 Meter durchmessende Kreuz, für dessen Rettung viele tausend Leverkusener im vergangenen Jahr Unterschriften abgegeben haben.
Wenigstens vier Mal im Jahr tauschen Mitarbeiter der Firma Esser die defekten unter den insgesamt 1710 40-Watt-Birnen aus. Diesmal kommt die eigentliche Arbeit Frank Taube und Uwe Reichert zu. In einem Korb werden sie – gesteuert aus einer Kommandozentrale auf dem Dach, angetrieben durch mehrere Seilwinden und abgesichert durch Kollegen an Seilen – jeweils an die richtige Position befördert. „Einer hat sich nur um die Sicherung zu kümmern. Der andere nimmt den Austausch vor. Per Funk wird zum Steuermann Kontakt gehalten“, erklärt Taube später.
Für einen winterlichen Einsatz sind die Bedingungen erstaunlich gut. Dennoch ist es ungemütlich im Korb. Denn die Arbeiter sind dem schwachen Wind mehr ausgesetzt und spüren die Kälte darum deutlich. Doch auf Handschuhe verzichten sie dennoch. Denn die feinen Arbeiten lassen sich nur mit bloßen Händen erledigen.
Mehr als nur ein Arbeitsplatz
Zur Absicherung gibt es noch einen zweiten Korb. „Mit dem könnten im Notfall die Personen gerettet werden“, sagt Thorn. Das ist zum Glück noch nie nötig gewesen. Denn Experten wie Taube und Reichert wissen, wann Schluss ist. Sobald es zu windig und dadurch zu gefährlich wird, brechen sie ab.
Das Kreuz selbst ist nicht nur Werbemittel und Wahrzeichen, sondern auch Trutzburg. Es ließ sich auch von einem Orkan wie Kyrill nicht unterkriegen. Allerdings hatten anschließend die Mitarbeiter der Firma Esser reichlich Arbeit. Die Wartungs- und Reparaturdokumentation weist neben verschiedenen anderen Teilen stolze 442 ausgewechselte Birnen aus – mehr als das Vierfache der üblichen Menge.
Taube und Reichert legen eine Pause ein. Bei Kaffee, Zigarette und Brot wärmen sie sich im Aufenthaltsraum auf dem Dach auf und reden mit den Arbeitskollegen. Das Team ist eine Einheit, die schon lange zusammen arbeitet. Auch wenn das Gros außerhalb Leverkusens wohnt, hat das Kreuz doch einen Platz in ihrem Herzen. „Es ist mehr als bloß ein Arbeitsplatz. Ich hänge am Kreuz“, betont Taube. Deshalb hat es ihn stolz gemacht, wie die Leverkusener erfolgreich gegen den geplanten Abriss des Kreuzes mobil gemacht haben. Das freute seinen Kollegen Jürgen Bindler als einzigen Leverkusener im Kreuzteam der Firma Esser natürlich ganz außerordentlich. „Für unsere Stadt ist es ein Wahrzeichen, ein Symbol – und für mich zusätzlich auch Arbeitsplatz“, fasst er zusammen.
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